Up to Date: Pariser Schauen 2017

Magazin Die Dietrich –  06.März 2017 / Anuschka Wienerl

Pariser Schauen:Valentino, viktorianische Sicht auf Memphis

Pier Paolo Piccioli  liebt es, vielseitig inspiriert zu werden. Ein Reißbrett Backstage gibt Zeugnis von dieser Gesinnung: Da sind Fotos von Renaissance-Kunst, von Damen aus der viktorianischen Zeit, und farbige Bilder von Memphis, der itaienischen Bewegung, die das moderne Design in den 80-ern revolutioniert hat.

Das Haus Valentino hat sogar einen Balkon gebaut, um die illustren Gäste zu verwöhnen: Kristin Scott Thomas, Clotilde Courau, Olivia Palermo oder Sveva Alviti. Letztere, die Dalida in einem Kinofilm spielte, kam in Valentino in gebrochenem Rosé und Weiß (sehr zur Freude der Paparazzi).

Auf dem Catwalk präsentierte der Italiener hervorragende lange Kaftane, Kleider und Mäntel in Bonbon-Farben, die die Memphis-Bewegung so liebte. Da gab es Arme, Blumentöpfe, Zahlen, futuristische Träume und leere Gebäude wie von Chirico. Mousseline-Kleider mit floralen Motiven, und atemberaubende  romantische Faltenröcke – die fast wirkten wie wie moderne Hieroglyphen.
All das getragen mit Punkrock-Stiefeln, mit Nieten, ganz nach der Tradition des Hauses.

Der Italiener dirigiert sein Haus, ist aber auch im Einklang mit ihm. So wie es die Bikerjacke ganz in Weiß zeigt. Piccioli ist ein heterosexueller Designer, Familienvater, der in Rom lebt. Er vermeidet es, aus den Frauen einen Fetisch zu machen und schafft es, sie zeitgenössisch wirken zu lassen.

Die Kollektion ist teuer und trotzdem hat sie keine Probleme, in die normale Welt hinabzusteigen. Eine Leistung, zu der nur die besten Stylisten fähig sind.

Pariser Schauen: Hermès und der Freigeist

Die Modeschöpferin Nadège Vanhee-Cybulski scheut sich  nicht, sich alle Freiheiten im Umgang mit den Codes von Hermès zu nehmen: So verwandelte sie etwa ein Seidenhemd mit klassischen Motiven von Schlüsseln und Waffen in ein anspruchsvolles Patchwork. Sie ist eine Kreateurin, die mit ihrer Zeit geht  und alle Leder von Hermès neu interpretiert  – indem sie angesagte Materalien benutzt, mehrfarbig und mit verschiedenen Techniken.
Man nehme nur einmal die verführerische  Bomberjacke: Ein Ensemble aus Daim, und Kaschmir mit feinen Streifen und Hightech-Verschlüssen. Zu diesem „Smart Casual“  kamen die Mannequins mit Strickmützen  Ali McGraw, ihre Hälse mit Gold-Colliers geschmückt. Kurioserweise widmete sich Designerin Nadège Vanhee-Cybulski bei der letzten Modeschau der Arbeitskleidung, während sie für den nächsten Winter die Freizeit wählte, so wie etwa bei ihren Blumenkleidern.

Das ganze war unerwarteterweise gespickt mit Stiefeln à la „Pinball Wizard“. Roger Daltrey wäre dankbar dafür gewesen für das Cover seines legendären Albums „Tommy“.

Auch zu sehen waren viele Silhouetten, die durch Gewichtheber-Bänder strukturiert wurden. Das bedeutet, dass  Hermès noch immer ein Haus der ruhigen Eleganz ist,  doch die Kreateurin hat verstanden, dass sich die Mädchen in einer Zeit des Maximalismus auch einmal amüsieren wollen.