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Mode / Trend Report
Trend Report: Pre-Fall 2016
Magazin Die Dietrich 30.März.2016

Die Flüsterpost in Fashion-Fachkreisen prophezeit eine Modekrise. Denn zu kurz sind die Abstände zwischen den einzelnen Kollektionen bei immer höheren Abverkaufszielen. Pre-Fall und Resort hängen länger auf den Shopfloors als die Runwaypieces und daher müssen sie natürlich auch mehr zu bieten haben, als “nur” die kommerzielle Version der Hauptkollektion zu stellen.

Vetements ist eines der ersten Labels, das nicht nur den Abverkauf der Beststeller extrem verkürzt und reguliert, sondern auch auf Pre-Kollektionen verzichtet. Darüberhinaus zeigt es zu den Sommerschauen im Herbst seine Winterteile und umgekehrt. Man könnte natürlich behaupten, diese Maßnahmen sind für ein noch kleines Unternehmen generell einfacher umzusetzen als für ein etabliertes Modehaus mit Shops auf der ganzen Welt. Andererseits wäre dies auch für große Häuser eine Maßnahme, um einen Schritt in die Zukunft zu wagen.

Meine Lieblingstendenzen aus den Pre-Fall Kollektionen sind wie immer sehr persönlich und greifen auch vergangene Themen wieder auf. Denn wer möchte schon seinen Look alle drei Monate komplett neu erfinden?
VISCONTI`S LUDWIG

König Ludwig II. lebt!

Meine Faszination für den sogenannten Märchenkönig begann in meiner Kindheit. Tagestrips mit meiner Familie zu seinen Schlössern quer durch Bayern gehörten zu meinen allerliebsten Ausflügen. Auch wenn die Gebäude gar nicht besonders alt sind (der König lebte und regierte im späten 18. Jahrhundert), sind ihr Stil und ihre Architektur spektakulär. Ludwig liebte Wagner, das romantische Landleben, die Tiere, die Oper ganz besonders und er bewunderte Louis XIV., den französischen “Sonnenkönig”.

Das ist tatsächlich, was die Architektur seiner Anwesen inspirierte. Zum Beispiel Neuschwanstein (welches übrigens das Original Disney Schloss ist) liegt am Fuße der Alpen, inmitten von Steinmauern, Bäumen und einem romantischen Fluss, um sicherzugehen, dass immer ausreichend Nebel das Schloss dramatisch umhüllen würde. Das Neue Schloss Herrenchiemsee, das für seinen Tischlein-deck-dich-Mechanismus bekannt war, eine Art Fahrstuhl, der Ludwig das Essen von der Küche bis direkt an seine Speisetafel servierte, ohne dass er dafür Bedienstete benötigt hätte, liegt auf einer kleinen abgelegenen Insel inmitten eines schönen Sees. Nichts anderes darumherum. Nur Königs Ludwigs Mini-Versailles. Leider konnte er den Bau zu seinen Lebzeiten nicht fertigstellen, demgemäß hatte er natürlich auch kaum eine Chance, dort viel Zeit zu verbringen. Eine Tatsache, die dessen Mysterium noch vergrößert. Während meiner Kindheit war ich wahrlich fasziniert von dieser Geschichte. Und meine Bewunderung für den sensiblen, introvertierten, kunstliebenden König, der nicht im Stande schien zu regieren, endete nie. Ziemlich weit oben auf meiner Wunschliste steht, dass ich alle seine Schlösser besuche, die ich noch nicht geschafft habe zu sehen.

Dies ist auch die einfache Erklärung für meine Liebe zu üppigem Samt, delikaten strahlendweißen Spitzenkragen, jagdgrünen Mäntel, Militärdetails, schwer besteintem Goldschmuck und vielen anderen wunderschöne Details, die ich Glückliche in den Pre-Fall Kollektionen entdecken durfte. Ihr könnt vielleicht meine Freude nachvollziehen, als ich die dunkelbraunen Cordmäntel mit 70s Revers, begürtelt mit riesigen goldverzierten Gürtelschnallen, Samtstiefeln und Sandalen mit Plateaus in den kräftigen Nuancen von Edelsteinen, langärmeligen schwarzen seidigen Samtkleider in Midi-Länge mit Spitzenkragen und groben Strickstrümpfen bei der Präsentation der wunderschönen Miu Miu Show erblickte. Ich fühlte dieselbe Aufregung wie als Kind, als ich durch die Badewanne des Märchenkönigs in Schwimmbadgröße spazierte. Als mir am nächsten Tag beim Re-See der Kollektion erzählt wurde, dass Miucca Prada von Viscontis Ludwig (auf deutsch: Ludwig II.) inspiriert wurde, konnte ich mein Glück kaum fassen und versprach mir, all mein Geld zur Seite zu legen, um so viele Teile wie möglich aus ebendieser Kollektion zur erstehen.

Viscontis sogenannte deutsche Trilogie Ludwig, mit seinem Freund und Liebhaber Helmut Berger als König, wurde in den früher 1970er Jahren gedreht. Kein Wunder, dass seine Interpretation nicht nur die eines verstörend schönen und romantischen Herrschers enthielt, sondern auch mit den Gerüchten um die Homosexualität des Königs spielte. Man braucht nicht zu erwähnen, welchen Skandal das unter den Deutschen und der alten Garde der Monarchie treuen Bayern auslöste. Das Beste an Viscontis Sicht auf den Märchenkönig und seine dunklere Seite ist, dass hauptsächlich an den Orinialschauplätzen gedreht wurde und dabei die Kleidung aus dem 18. Jahrhundert in die 1970er übersetzt wurde. Einfach verrückt. Und Romy Schneider spielte noch einmal Königin Elisabeth, lange nach ihrem Erfolg als Sissi.

Mit all dies im Hinterkopf konnte ich mich nicht glücklicher schätzen, diese Referenz in dieser besonderes Zeit in vielen Kollektionen zu erblicken – von den Military Coats bei Gucci, Burberry und Saint Laurent bis hin zu den hübschen Spitzenkragen bei Erdem.

 

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©Collage / Julia Zierer

Wie es der Zufall manchmal so will, stolperte ich letztens erst beim Sinnieren über meine Pre-Fall Favorites bestehend aus wunderschönen Pyjama-Anzügen (Bademanteljacke und weite Hose) über die Gesellschaftskritik im Zeit Magazin. Und da ich nun schon bei den leicht zweifelhaften, angestaubten, männlichen “Role Models” angekommen bin, schlage ich einen kleinen Zeitsprung von ca. 150 Jahren vor und lande, ja, genau richtig (!), bei Hugh Hefners “Signature Look”, der sich aus luxuriösen, seidenen Hausanzügen zu Pantoffeln zusammensetzt. Meine Favoriten sind die Nerzgürtel und passenden Nerzpantoffeln von Fendi oder die Seidenprintversionen kombiniert zu Chucks von Roberto Cavalli. Das Wichtigste an diesem Look ist definitiv die Attitude, mit der das Ganze getragen wird: elegant und selbstverständlich tagsüber – wie beim alten Meister Hugh gelernt. Allerdings würde ich noch ein wenig weitergehen und mich definitiv ab damit auf die Straße manövrieren!

Wilde Katze

©Collage / Julia Zierer

Offensichtlich ist Animalprint ein Thema, das mich und meine Kollegen nicht loslässt. Ob es daran liegt, dass Kate rauchend in Supreme T-Shirt und Leomantel über uns wacht, wenn wir im Berliner HQ in die Tasten hauen? Good News: Die “Wild Things”- Mäntel aus den Resort Kollektionen dürfen definitiv in unseren Schränken bleiben! Bad News: Die neuen Versionen von Alexander Wang, Ellery und Stella McCartney sind quasi schon jetzt Klassiker und so unwiderstehlich, weil sie tagsüber wie auch abends funktionieren. Meine persönlichen Highlights sind die entfremdeten Versionen wie der Midirock von Saint Laurent, die Mützen von J.W.Anderson und der Gangster Hoodie von Giamba.

Satin

©Collage / Julia Zierer

Eigentlich war ich beim Verfassen meines Trendreports SS16 und im speziellen bei meinem Lieblingsthema Slipdresses sicher, dass meine Begeisterung für Satin nicht mehr größer sein kann. Doch dann kam die Pre-Fall Präsentation von Acne Studios. Und die Fortsetzung des Materials (und der Kleiderform) der 90s, materialisiert in einer rostfarbenen Erscheinung mit (natürlich!!!) Samtbustier. Was für ein Zufall, dass das Kleid der Saison (gezeigt bei der fantastischen Prada Männershow in Mailand) in Seide wie flüssiges Kupfer schimmert. Besonders toll das Styling an der wunderschönen rothaarigen Julia Hafstrom und als Kontrast der dicke Strick im Rautenmuster. Natürlich nicht in Kombination, aber um das Trio Infernal voll zu machen: Die Bomberjacke von Alexander Wang mit der wunderschönen Palmenstickerei ist ein weiteres Sammlerstück aus Satin.

Rote Zutaten

©Collage / Julia Zierer

Rot ist ein Klassiker für die Lippen, Nägel und die ein oder andere berühmte Abendrobe. Umso spannender finde ich, wie die Designer tiefes Rosenrot als Stilmittel zum Einsatz kommen lassen. Alessandro Michele setzt bei Gucci auf rote Rippstrümpfe, um seine mädchenhaften Looks aufzurütteln. Lorenzo Serafini stylt bei Philosophy rote Strickrollis unter seine romantischen Boho-Looks und Dior verwendet den besonderen Ton ganz subtil zu spitzenbesetzen Slipdresses in Form einer luxuriösen Krokotasche, während bei Valentino auf tiefroten Blumenschmuck im Haar auftaucht. Werde ich definitiv auch versuchen.

Bombers Next Level

©Collage / Julia Zierer

Auch die Bomberjacken kennen wir schon aus meiner Zusammenfassung der Resort 16. Von den Motiven verabschieden wir uns allerdings (zumindest bei den Jacken, aber dazu gleich mehr), dafür tauchen unglaublich coole, klassische Militaryversionen auf. Alexander Wang und Burberry geben hier ganz klar den Ton an und ich würde sagen, herzlich Willkommen, ihr coolen Vorboten von Li Edelkoorts  “Work it”-Prognose.

WOMAN ON THE MOON

©Collage / Julia Zierer

Es liegt mir noch in den Ohren. Kürzlich wurde ich gefragt, welche Farbe ich garantiert nicht tragen würde?Überrraschung – ich antwortete GRAU! Und wie der Zufall es so will, zeigen J.W.Anderson, Christopher Kane und Peter Dundas für Roberto Cavalli sehr spannende Looks in genau diesem Farbton. Vielleicht liegt es daran, dass der Focus einzig und allein auf dem Silberton liegt. Definitiv liegt es am Head-to-Toe-Styling.

©Collage / Julia Zierer

Karo ist mein Lieblingsmuster neben obig genanntem Leo. Spannend finde ich, wie vielseitig es ist und dass es abends sowie tagsüber funktioniert. Britisch und klassisch bei Prada und Miu Miu, mit Netzstrümpfen wie bei Chanel Métiers d’Art und eine Prise Punk bei Tomas Maier und Acne Studios.

Sweet Denim

©Collage / Julia Zierer

Bei diesem Thema sind sich die italienischen Designer (Valentino, Gucci, Roberto Cavalli) einig. Denim verträgt ein paar niedliche Details wie Schmetterlingspatches und Glitzersterne. Wenn auch nicht besonders vielseitig, sind diese Teile schon jetzt Sammlerstücke und die ideale Medizin für einen “Bad-Mood-Day”.

 

 

von Veronika Heilbrunner

Geboren und aufgewachsen in München begann Veronikas modische Laufbahn mit Modeljobs, bald wechselte sie auf die andere Seite der Kamera und wurde von der Modeassistentin zur Redakteurin, dann wieder ein Richtungswechsel ins Online-Luxury-Retailing, um bis vor Kurzem zurück beim Burda Verlag als Style Editor der deutschen Harpers Bazaar zu arbeiten. Im Moment lebt sie in Berlin, startete Anfang 2015 eine eigene Firma zusammen mit Julia Knolle, ihres Zeichens Ex-Editor-at-Large von Vogue Digital. Ach ja, ihre Leidenschaft sind Möpse.