Tourneetheater „Arthur Millers „Hexenjagd“
in Idstein“

Interview mit Schauspielerin Iris Boss

 

 

Magazin Die Dietrich / 25. September 2018 /Ramona Haas Interview Anuschka Wienerl Text

Theater-Stück Hexenjagd, von Arthur Miller
Die Dietrich war zu Besuch in Idstein um das Theaterstück „ Hexenjagd „ von Arthur Millers Live zu erleben. Im Vorfeld trafen wir Schauspielerin Iris Boss die in Hexenjagd die Elizabeth Proctor spielt.

Von den gut gefüllten Rängen gab es viel Beifall für die letzten Sätze des preisgekrönten Dramas: „Hexen gab es schon damals nicht. Aber noch immer ist die Welt in der Gewalt von Jägern.“ Dies sind Sätze, die den historischen Stoff – einer Hexenjagd in Salem des 17. Jahrhunderts – verbinden mit dem Schriftstellers Arthur Miller, der als Kommunist im Amerika der 1950er-Jahre die Kommunistenjagd von Senator Joseph McCarthy spürte. Sie zeigen auch, wie Irrglauben und Fanatismus genutzt werden, um Menschen zu jagen und zu brechen – aus Rache, Neid und Lust. Als John Proctor gefällt Wolfgang Seidenberg – ein Zweifler, der seine Frau Elizabeth (stark: Iris Boss) mit der jungen Abigail betrogen hat. Abigails (mal kraftvoll, mal überzogen: Hannah Prasse) Lügen, die eine eigene Sünde verbergen, fruchten – auch die schwankende Mary (anrührend: Sophie Schmitt) hält ihr nicht stand. In einer Atmosphäre der Angst, in der Nachbarn einander denunzieren, kann Proctor nur durch Lügen überleben. Sonst stirbt er als Mann mit Prinzipien.

Diabolisch gibt sich Carsten Klemm als Gottes Richter – die Zahl seiner Opfer zeigen immer mehr Kreuze auf der Bühne. Das weiße Kreuz, das das karge Bühnenbild dominiert, wird blutrot und teilweise zerfetzt – das Symbol der erfolgreichen Jäger.

Inhalt

Mit der Hexenverfolgung des 17. Jahrhunderts in Amerika behandelt das Schauspiel vordergründig zwar einen historischen Stoff, allerdings bezieht Arthur Miller die Zusammenhänge zwischen religiösem und politischen Fanatismus bewusst auch auf seine Gegenwart – die Kommunistenhatz der McCarthy-Ära in den USA der 1950er Jahre. 2018 feiert seine Parabel „Hexenjagd“ ihr 65-jähriges Jubiläum und ist in Zeiten, in denen Presse- und Meinungsfreiheit in vielen Weltgegenden zunehmend eingeschränkt werden oder auch tatsächliche wie vermeintliche politische Gegner verfolgt und inhaftiert werden, aktueller denn je.

Im puritanischen Salem, Massachusetts, im Jahr 1692 überrascht Pastor Parris eine Gruppe pubertierender Mädchen, darunter auch seine Nichte Abigail, zu nächtlicher Stunde beim Tanz im Wald. Als sich die Mädchen am nächsten Morgen „sonderbar“ verhalten, gibt es für die Einwohner nur eine Erklärung: Hexerei ist im Spiel! Pastor Parris ruft den Hexenspezialisten Pastor Hale hinzu und tatsächlich geben die Mädchen bei seinen Verhören als Ausrede an, verführt und verhext worden zu sein. Schnell merken sie, dass sie einer Strafe entgehen können, indem sie andere ebenfalls der Teufelsbuhlerei beschuldigen. Und so denunzieren sie munter drauf los, bezichtigen unliebsame Gemeindemitglieder und genießen ihre neu gewonnene Macht. Sie treten eine Woge der Hysterie los, die schnell außer Kontrolle gerät: Die Hexenjagd beginnt. Als schließlich Abigail die Frau des Bauern John Proctor beschuldigt, sie verhext zu haben, und auch der Bauer selbst angeklagt wird, steht dieser vor der Frage: soll er gestehen, um mit dieser Lüge sein Überleben zu sichern oder bei der Wahrheit bleiben, auch wenn dies seinen Tod bedeutet?

 

Interview mit Schauspielerin Iris Boss

Interview – 20.September 2018 / Ramona Haas

Wie würdest du die Aktualität des Stücks beurteilen?

Arthur Miller, der Autor des Stücks, hat gesagt: „Überall dort, wo die Ablehnung des politischen Gegners grausame Formen annimmt, wo man ihn mißhandelt und austilgt, weil man in ihm nicht mehr den Menschen sehen kann – überall dort wirkt auch in unserem Jahrhundert der alte Hexenwahn.“ Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Ausser vielleicht, dass es nicht nur um politische Gegner geht, sondern um alle, die in irgendeiner Weise anders oder fremd sind und als Sündenböcke herhalten können. Das gab es wahrscheinlich schon immer und steckt irgendwie in uns Menschen drin. Aber wie Parteien wie die Afd diese niederen Instinkte der Menschen instrumentalisieren, ist nicht nur widerwärtig, sondern auch höchst gefährlich. „Hexenjagd“ ist ein Lehrstück, was diese Mechanismen betrifft.

Was hast du bisher von dem Stück und deiner Rolle gelernt, bzw. was nimmst du davon mit?

Ich bin überhaupt kein eifersüchtiger Mensch – dachte ich. Aber dadurch, dass ich tagtäglich eine betrogene Frau gespielt habe, musste ich mich auch mit diesem Gefühl in mir auseinandersetzen. Und ich habe mal wieder ganz bewusst wahrgenommen, wie frei ich (im Gegensatz zu Elizabeth) bin. Dass ich fast immer die Wahl habe, etwas zu beenden, wenn es nicht gut ist für mich und eine neue Wahl zu treffen.

Was fiel dir bei der Arbeit mit deiner Rolle am schwersten, bzw. am leichtesten?

Die große emotionale Beherrschtheit und die tiefe Religiosiät von Elizabeth sind mir sehr fremd. Ihre Eigenschaft, in Extremsituationen einen glasklaren Verstand zu bewahren habe ich auch. Manchmal kann ich aber die Dinge sogar besser spielen, die mir fremd sind… Ach, und das Stricken – Handarbeiten sind so gar nicht meins!

Wie ist das Tourleben mit eurem Theaterstück?

Bis jetzt ist es sehr entspannt. Wir kommen immer so gegen 13 oder 14 Uhr am neuen Spielort an. Ich bringe meine Sachen ins Hotel und dann muss ich mich erstmal bewegen.

Zu Hause mache ich viel Sport, aber auf Tour geht das natürlich nicht so einfach. Deshalb gehe oder laufe ich viel – so sehe ich auch die neuen Orte. Ich mag es nicht nur im Hotel oder im Theater zu sein und von der Stadt nichts zu sehen.

Danach mache ich noch meine Übungen im Hotel und mache meine „Büroarbeiten“, beantworte Mails usw… – das Leben geht ja auch auf Tour weiter. Dann muss ich noch irgendwo etwas zu essen finden, und dann geht es auch schon wieder ins Theater.

Das Ensemble, mit dem ich unterwegs bin ist sowohl künstlerisch, als auch menschlich ein Wunderbares. Letzteres ist auf Tournee besonders wichtig!

Wie lange seid ihr unterwegs?

Wir sind 2 Monate unterwegs und haben 45 Vorstellungen.

Merkt man eine Entwicklung zwischen den Vorstellungen?

Ja, hoffentlich! Man muss sich natürlich an die Absprachen halten, die man mit den Kollegen hat, aber man kann auch nicht immer alles gleich spielen, sonst dreht man durch. Ich gebe mir vor jeder Vorstellung eine Aufgabe, konzentriere mich zum Beispiel ich mich auf die Sprache, die Beziehung zum Partner, spiele härter oder weicher…

Du hast deine Ausbildung in Berlin absolviert, kommst aber aus der Schweiz. Wie kam es zu diesem großen Umzug?

Ich wollte unbedingt in Deutschland studieren. Es gibt auch in Zürich und Bern eine staatliche Schule. Es war mir wichtig, an einer staatlichen Schule und nicht an einer privaten zu studieren. Und ich wollte nach Deutschland, um auch im Alltag Deutsch sprechen zu müssen.  Ich habe mich dann an allen deutschen Schauspielschulen beworben und in Berlin hat es geklappt.

Gab es ein Ereignis in deiner Schauspielausbildung, das dich noch bis heute prägt?

Ja, ich hatte eine Dozentin, Edith Clever, die mit mir Judith von Hebbel gearbeitet hat. Sie hat einen Satz zu mir gesagt, den ich nie vergessen werde: „Du kannst nicht gleichzeitig die Rolle und eine Schauspielerin spielen!“ Ich hatte lange Zeit so ein Hochstapler-Gefühl, habe es manchmal auch heute noch. Das Gefühl, eigentlich gar keine Schauspielerin zu sein, sondern nur eine zu spielen. Aber je älter ich werde, desto mehr vertraue ich in mich und meine Fähigkeiten. Zum Glück!

Wie sieht dein Alltag als Schauspielerin aus?

Das Anstrengende und gleichzeitig auch das Schöne ist, dass es eigentlich keinen Alltag gibt. Mal gibt es wahnsinnig viel Arbeit und zu anderen Zeiten gar keine und du weißt nie, ob und wann das Nächste kommt.

Hast du irgendeinen Ausgleich zu dieser Anstrengung?

Sport ist für mich sehr wichtig, das brauche ich unbedingt. Meine Beziehung macht mich auch sehr glücklich. Ich habe schon seit längerer Zeit einen unglaublich tollen Menschen an meiner Seite. Und ich habe ein gutes soziales Netz. Das ist wichtig, wenn man so viel unterwegs ist: Ich weiß, meine Freunde sind da, wenn ich zurückkomme. Außerdem schreibe ich. Es ist etwas Künstlerisches mit dem ich aber kein Geld verdienen muss.

Man hört auch oft von Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, aber dem Druck nicht gewachsen sind und zu Drogen greifen. Wie stehst du zu Drogen?

Ich produziere genug körpereigene Drogen und bräuchte eher Etwas, das mich auf Level 0 bringt. Wenn man diesen Beruf über eine längere Zeit ausüben will, muss man auf sich achten. Mein Körper ist mein Instrument und wenn mein Instrument kaputt ist, dann kann ich nicht mehr damit arbeiten.

Gibt es irgendeine Rolle oder irgendein Stück, dass du gerne mal spielen würdest?

Das ist die altbekannte Frage. Ich denke mir immer wieder: „Wenn mich mal jemand fragt, dann sag ich das…“ Es ist schwierig, aber Lady Macbeth würde ich natürlich gerne spielen und auch Claire Zachanassian aus „Der Besuch der alten Dame“. Das ändert sich aber auch hin und wieder. Jetzt gerade spiele ich das erste Mal eine wirklich erwachsene Rolle. Ich habe sehr lange die Mädchenrollen gespielt, aber mir gefällt es sehr, dass jetzt die erwachsenen Rollen kommen. Das sind andere Themen, die mich mehr interessieren.

Aber insgesamt gefallen dir die extremeren Rollen mehr?

Ja, absolut! Schauspiel hat eben auch mit Aktivität zu tun und die Frauenrollen sind leider häufig diejenigen, die die Männer spiegeln, die reagieren und insgesamt eher passiv sind. Selten sind die Frauen die Aktiven, die agieren, und das finde ich wirklich schade. Deswegen sind die bösen Rollen auch oft interessanter, weil das Böse häufig aktiver als das Gute ist.

Gibt es denn irgendwen mit dem du gerne Mal arbeiten würdest?

Andreas Dresen ist für mich einer der großen deutschen Regisseure. Mit ihm würde ich sehr gerne mal zusammenarbeiten. Ich mag seine Einstellung zu den Schauspielern. Er hat sehr großes Vertrauen zu ihnen.

Was hast du als Schauspielerin durch deinen Beruf über Menschen oder über das Leben gelernt?

Oh, viel! Dadurch, dass man sehr nah mit Menschen zusammenarbeitet, körperliche und emotionale Grenzen überschreitet, lernt man sehr viel. Ich habe beispielsweise gelernt meine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und diese auf eine angemessene Weise zu kommunizieren.

Außerdem lerne ich durch jede Rolle etwas. Jede Rolle, die ich spiele, hat irgendetwas mit mir zu tun. Das heißt wiederum fürs Leben gelernt: Jeder Mensch, dem du begegnest, hat irgendwas mit dir zu tun. Auch wenn dir jemand sehr fremd erscheint, kannst du immer noch irgendwas von ihm lernen oder er hat eine Botschaft für dich.

Was hast du bisher von dem Stück und deiner Rolle gelernt, bzw. was nimmst du davon mit?

Ich bin überhaupt kein eifersüchtiger Mensch – dachte ich. Aber dadurch, dass ich tagtäglich eine betrogene Frau gespielt habe, musste ich mich auch mit diesem Gefühl in mir auseinandersetzen. Das war schmerzhaft, aber wichtig!

Und ich habe mal wieder ganz bewusst wahrgenommen, wie frei ich (im Gegensatz zu Elizabeth, meiner Rolle im Stück) bin. Dass ich fast immer die Wahl habe, etwas zu beenden, wenn es nicht gut ist für mich und eine neue Wahl zu treffen. Das hat mich mit großer Dankbarkeit erfüllt!

Was fiel dir bei der Arbeit mit deiner Rolle am schwersten, bzw. am leichtesten?

Die große emotionale Beherrschtheit und die tiefe Religiosität von Elizabeth sind mir fremd. Ihre Eigenschaft, in Extremsituationen einen glasklaren Verstand zu bewahren, kenne ich. Manchmal kann ich aber die Dinge sogar besser spielen, die weit weg von mir sind… Ach, und das Stricken – Handarbeiten sind so gar nicht meins!

Du wirkst trotz dieser Unstetigkeit in deinem Leben sehr zufrieden mit deinem Weg. Gibt es trotzdem etwas, dass dir fehlt?

Ich würde gerne mehr auswählen können, was ich arbeite, mehr Selbstbestimmung. Ich würde mich gerne mehr auf meinen eigentlichen Beruf, das Spielen, konzentrieren und weniger Zeit und Kraft für Arbeitsbeschaffungsmassnahmen, Selbstvermarktung und den ganzen Bürokram aufwenden müssen.

Wie würdest du die Aktualität des Stücks beurteilen?

Arthur Miller, der Autor des Stücks, hat gesagt: „Überall dort, wo die Ablehnung des politischen Gegners grausame Formen annimmt, wo man ihn mißhandelt und austilgt, weil man in ihm nicht mehr den Menschen sehen kann – überall dort wirkt auch in unserem Jahrhundert der alte Hexenwahn.“ Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Ausser vielleicht, dass es nicht nur um politische Gegner geht, sondern um alle, die in irgendeiner Weise anders oder fremd sind und als Sündenböcke herhalten können. Das gab es wahrscheinlich schon immer und steckt irgendwie in uns Menschen drin. Aber wie Parteien wie die AfD diese niederen Instinkte der Menschen instrumentalisieren, ist nicht nur widerwärtig, sondern auch höchst gefährlich. „Hexenjagd“ ist ein Lehrstück, was diese Mechanismen betrifft.

Vielen Dank für das Interview habe viel über das Theater erfahren dürfen.

Fotogalerie: Fotografen  (Petrov Ahner und Ronny Zeisberg)