Tilda Swinton
exklusiv für Interview Magazine Germany

Magazin Die Dietrich – 16.Mai 2017

Ein Tag mit Tilda: Aus den schottischen Highlands kam Tilda Swinton, Oscarpreisträgerin und Chamäleon der Mode, nach Paris. Dort haben wir sie getroffen. Und in den Straßen des 9. Arrondissements exklusiv fotografiert.

Tilda Swinton, blass, elegant und bestens aufgelegt, ist ein seltenes Wesen. In den letzten 20 Jahren hat sie eine fast unüberschaubare Anzahl von Filmen gedreht und ist leisen Schrittes von der Arthouse-Legende zum Hollywoodstar avanciert (auch wenn sie sich selbst nie als solchen bezeichnen würde). In der Mode verehrt man sie nicht weniger, denn Swinton, 56, liebt es ausgefallen. Ihr extraterrestrisches Aussehen und ihre modelhafte Gestalt haben sie zur Muse der Modeschöpfer werden lassen. Auf Swinton können sich von Chanel bis Lanvin alle einigen.

In Paris, an einem Tag im April, lässt sich Tilda Swinton exklusiv für die deutsche Interview fotografieren. Swinton, sehr freundlich, sehr einnehmend, trägt die ehemals roten Haare weiß blondiert zur tatsächlich sehr hellen Haut. Altersmäßig, sagt sie, würde sie sich irgendwo zwischen elf und 99 verorten. In ihrem neuen Film „Okja“, der dieser Tage in Cannes Premiere feiert und anschließend auf Netflix laufen wird, spielt Swinton Lucy Mirando, die neurotische Chefin eines globalen Riesenkonzerns. Wie so oft ließ sich Swinton dafür radikal auf den Kopf stellen: wasserstoffblonde Bob-Perücke, falsche Zähne, pastellfarbene Kostüme. Als sie und ihr Kollege Jake Gyllenhaal den Film vergangenes Jahr in den USA drehten, fand in Cleveland gerade der Parteitag der Republikaner statt, auf dem sich Donald Trump zum Präsidentschaftskandidaten küren ließ. „Ich stand in meiner Mittagspause vor dem Fernseher, mit Lucys glänzend blondem Haar auf dem Kopf. Ich trug ihre kostspielig makellosen Zähne und ein blütenweißes Kleid – halb Spa-Manager, halb Barbiepuppe. Auf dem Bildschirm wurde Donald Trumps Tochter in fast identischer Verkleidung von der Menge bejubelt.“

Kochen Sie selbst gern?

Sehr. Für Leute zu kochen, die man mag, ist ein Liebesdienst. Ich bin eine eher rustikale Köchin. Immer, wenn ich nach Hause komme, bitten meine Kinder mich um dieselben Gerichte: Fisch-Pastete. Einen vegetarischen Eintopf. Streuselkuchen mit Obst. Oder so eine Gebratene-Karotten-Spezial-Geschichte, die ich erfunden habe. Aber genauso wichtig wie das Essen ist die Tatsache, dass ich für sie koche. Mit Liebe kochen ist eine kommunikative Angelegenheit.

Bei Fisch-Pastete muss ich an Ihre Filmfigur Emma denken, eine Russin, die in eine Mailänder Industriellenfamilie eingeheiratet hat und immer, wenn sie Heimweh hat, traditionelle Fisch-Suppe kocht. Ist das Zufall – oder steht sie Ihnen besonders nah?

Nicht als Figur. Ihre Geschichte ist meiner sehr unähnlich. Aber in mancherlei Hinsicht verhält sie sich so, wie ich das auch tun würde. Sie sieht sich als Fremde in einem Umfeld, von dem sie sich ausgeschlossen fühlt. Und sie reagiert wie ich: Ich habe in solchen Situationen die Tendenz, sehr still zu werden. Ich mag das. Es ist eine vertraute Erfahrung für mich, stumm am Tisch zu sitzen, während alle anderen sehr mit etwas beschäftigt sind, das nichts mit mir zu tun hat: „zoning out“.

Was ist das?

Auf Leerlauf schalten. Sich aus der Situation herausnehmen. Mit den Gedanken abschweifen. Das habe ich oft getan, schon als kleines Kind.

Zu Hause? Auf dem Internat? Beim Studium in Cambridge?

Zu Hause. Im Internat. Weniger in Cambridge. In kommunikativer Hinsicht bin ich in Cambridge mutiger geworden.

Warum haben Sie sich zu Hause und in der Schule fremd gefühlt?

Ich war das einzige Mädchen in einem Haus voller Jungs. Aber ich empfinde dieses „zoning out“ als Ressource, als Moment der Stärke – und das habe ich bei uns am Familientisch gelernt.

Ihr Film behandelt ein nahezu klassisches Thema: die Kraft der Liebe im Konflikt mit den Zwängen von Konvention, Status und gesellschaftlichen Erwartungen. Ist das noch zeitgemäß?

Warum nicht?

Das Ideal der wahren Liebe begegnet uns überall. Wir sind doch alle irgendwie angehalten, nach wahrer Liebe und Leidenschaft zu suchen und den einen richtigen Partner zu finden. Sobald dann die Routine einkehrt oder irgendetwas dem Ideal zuwiderläuft, trennen sich die Leute. Und die Scheidungsraten gehen hoch.

Warum Geld verschenken?

Wenn Sie in Unternehmensanleihen investieren, sollten Sie bedenken, dass ein passiver Ansatz eine suboptimale Wahl darstellen könnte. Mehr…

Alles. Die Akzeptanz der eigenen Einsamkeit ist die Voraussetzung, um einen anderen wirklich zu lieben. Wenn wir diese Einsamkeit jemandem zeigen, der sie wiederum sieht und akzeptiert, ohne uns davon abbringen zu wollen, und wenn der andere uns seine Einsamkeit zeigt – das birgt die Chance einer wirklich liebenden Beziehung.

Es geht also nicht darum, Einsamkeit zu überwinden?

Einsamkeit ist keine Option, sie ist ein Fakt. Wir sterben alle allein. Das wäre sonst wieder dieses romantische Ideal des Eins-Seins, das uns verkauft wird, als müssten wir nur den Richtigen finden, um nie wieder allein zu sein. Ich halte das für Fiktion. Und für eine Verschwendung einer existentialistischen Wahrheit. Es ist sehr gesund zu wissen, wie einsam wir sind.

Ist das Ihre Erfahrung?

Die liebevollsten Beziehungen in meinem Leben – und davon gibt es viele – habe ich zu Menschen, die sich ihrer Einsamkeit bewusst sind und keine Angst davor haben. So können wir uns wunderbar Gesellschaft leisten. Es ist ein guter Weg, um gute Freunde zu finden.

Sie haben einen sehr stillen Film gemacht. Sie sagen selbst, die meisten Dialoge könnte man weglassen.

Keiner sagt etwas, das wirklich wichtig wäre.

Finden Sie, die Leute reden zu viel?

Vielleicht nicht zu viel. Aber Menschen investieren viel Energie in Kommunikation, in der Illusion, dass wahre Kommunikation miteinander möglich wäre. Seit sechzig Jahren kreist das Kino um diese Vorstellung. Ich als Cineastin bin überzeugt, dass das Kino etwas anderes viel besser kann, nämlich die Dinge im Stillen zu betrachten. Zum Beispiel, wie Menschen versuchen zu kommunizieren oder dabei scheitern. Nehmen Sie uns beide. Ich bemühe mich, Dinge aus meinem Kopf in meinen Mund zu befördern, um Ihre Erwartungen zu erfüllen. Sie sitzen hier mit allen möglichen Gedanken, mit Widerständen gegen das, was ich sage, mit Dingen, die Sie gerne erwidern würden. Das ist wie eine Brücke zwischen uns beiden. Es ist aber nicht die ganze Geschichte. Wenn Sie diese Begegnung filmen würden, würden Sie auch unser Verhalten anschauen. Sie würden vielleicht einen zweifelnden Blick oder Zustimmung oder was auch immer einfangen. Das kann die Kamera. Worte sind wie ein Faden – sonst nichts.

In Ihrem Film entsteht aus Wohlstand und Tradition ein Klima der Starre und Kälte, das Emma von sich selbst entfremdet. Ist das etwas, das Sie als Kind der British Upper Class selbst erlebt haben?

Überhaupt nicht. Das Umfeld in dem Film ist ein sehr spezielles. Luca und ich kannten es beide nicht. Diese Leute sind nicht wie die Gutsherren in Viscontis „Der Leopard“. Es handelt sich um sehr, sehr reiche Industrielle, an denen alles abperlt: die Natur, Mitgefühl, Sympathie, Moral, die skrupellosen Umstände, unter denen ihr Reichtum entstanden ist. Diese Haltung kritisieren wir. Und sie verlangt Bestrafung, wie in einer griechischen Tragödie.

Und wie war Ihre Familie – alter schottischer Adel?

Makroperspektiven

Immer mit der Ruhe

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Ich bin in einem sehr liebevollen, unterstützenden und viel maroderen Umfeld aufgewachsen.

Trotzdem wollten Ihre Eltern, dass Sie einen Grafen heiraten?

Das habe ich wahrscheinlich irgendwann einmal in einem Interview gesagt. Das war ein Witz. Meine Eltern wollten gar nichts von mir, außer dass ich glücklich werde. Sie kannten bloß das Umfeld nicht, dem ich mich zugewendet habe. Die Welt der Kunst, in der ich lebe, ist ihnen fremd. Insofern konnten sie mich schlecht vorbereiten. Aber sie haben mich immer unterstützt. Wenn einer Schreiner ist und sein Vater auch, gibt es einen gemeinsamen Horizont. Das war bei mir anders. So war das mit dem Grafen wohl gemeint. Und vermutlich habe ich sogar Herzog gesagt.

Entschuldigen Sie bitte. Der Herzog ist höher?

Der Herzog ist höher. Das wäre eine Welt für mich gewesen, die sie kannten. Aber weil das schon immer eine unwahrscheinliche Perspektive war, haben sie mich ermutigt, meinen Weg zu gehen.

Sie sind auf dem gleichen Mädcheninternat gewesen wie Lady Diana. Warum schicken Sie Ihre eigenen Kinder auf die Waldorfschule?

Ich wünschte, ich wäre selbst auf eine gegangen. Ich sehe ja meine Kinder. Die sind auf eine Art und Weise selbstbestimmt, wie uns das in diesem Alter niemals zugestanden wurde. Man hat uns nie die Möglichkeit eröffnet, unser eigenes Leben zu leben. Nicht mal aus Bösartigkeit, eher so geschäfts- und gewohnheitsmäßig. Als wir Teenager waren, gab es nur eine Handvoll Optionen. Meine Kinder werden ermutigt, die Welt mit Neugier zu erkunden. Und schon die Kleinsten bekommen das Gefühl vermittelt, dass sie Einfluss nehmen können auf die Welt und sie verändern. Das finde ich gut.

Stimmt es eigentlich, dass Sie sich nichts zum Anziehen kaufen müssen, weil befreundete Modeschöpfer Sie mit allem versorgen?

Ich bin wie Aschenputtel. Wenn keine Schachtel kommt, bleibe ich nackt.

Und warum schminken Sie sich nie?

Ich bin zu faul. Außerdem schminke ich mich manchmal sehr wohl. Aber heute zum Beispiel wäre ich noch später dran gewesen.

Sie werden demnächst fünfzig. Feiern Sie?

Ich habe meinen 49. Geburtstag gefeiert, weil ich das für den entscheidenderen Wendepunkt halte. Dieses Jahr lege ich eine sechsmonatige Reisepause ein. Das ist eine große Sache für mich: sechs Monate zu Hause zu bleiben und in meinem eigenen Bett zu schlafen. Das ist das größte Geschenk, was ich mir derzeit machen kann.

Wie finden Sie das Älterwerden?

Mein Leben wird einfacher, je älter ich werde, jedenfalls solange ich körperlich nicht zusammenbreche, was mir viel ausmachen würde, weil ich morgens gerne ohne irgendwelche Zipperlein aufstehe. Aber ehrlich gesagt, ich wollte keine sechs Monate jünger sein. Und in sechs Monaten werde ich ähnlich begeistert sein, aber weniger müde.