THE 1960s /INTERVIEW MIT STILIKONE TWIGGY LAWSON

Die Dietrich/ Lotta Pilotta Anuschka Wienerl – 12.November 2018

Die Dietrich traf die Stilikone aus den sixties, das Supermodel Twiggy Lawson zum Interview.

Das Supermodel der 60er-Jahre ist inzwischen 62 Jahre alt – und aktiver denn je: Twiggy Lawson singt, modelt und entwirft ihre eigene Mode.

Der Name Twiggy klingt hierzulande nach vergangenen Modezeiten, nach falschen Wimpern, Minirock und Bubikopf. Twiggy, das ist für uns doch vor allem dieses dünne Model mit den großen blauen Augen, eine Frau für die Rubrik: „Was macht eigentlich…?“ Von wegen! In der angelsächsischen Welt ist die 62-Jährige, die heute (wie ihr zweiter Ehemann) Lawson mit Nachnamen heißt, allgegenwärtig.

Ihre britischen Landsleute kennen sie als Werbegesicht der Kaufhauskette Marks & Spencer sowie als Verfasserin einer Stilfibel für Frauen über 40. In den USA saß Twiggy fünf Staffeln lang in der Jury von „America’s Next Topmodel“, derzeit vermarktet sie dort per Homeshopping ihre eigene Modelinie.

Nun erscheint Twiggys Album „Romantically Yours“. Treffen wir also die Frau zum Gespräch, die die Marke Twiggy verkörpert – und so „unfassbar nett“ ist, wie die Pressefrau es zuvor versprach.

Die Dietrich : Sie wurden als Gesicht der „Swinging Sixties“ berühmt. Warum finden sich auf Ihrem Album nur zwei Lieder aus der Zeit?
Twiggy: Stimmt, „Waterloo Sunset“ und „Angel of the Morning“, das war’s. Aber ich habe die Songs nicht nach ihrer Ära ausgesucht, sondern ich wollte romantische Lieder singen, die ich mag. Wie die Auswahl zeigt, liebe ich besonders die Musik aus den Zwanzigern, Dreißigern und Vierzigern.

Die Dietrich : Haben Sie denn je so eine wilde 60er-Jahre-Phase durchlebt, wie man es von einer Ikone der Ära erwartet?
Twiggy: Nein, ich mag gar keine Partys. Außerdem habe ich schon als Teenager hart gearbeitet. Ich wurde ja mit 16 entdeckt und war plötzlich weltberühmt. Ich reiste durch die Welt, nach New York, Paris, Mailand oder London. Ich war als Fotomodell ständig gebucht, außerdem vermarktete ich meine Kleiderkollektion. Deswegen war ich auch oft in Bremen, dort saß mein deutscher Fabrikant.

Die Dietrich : „Twiggy Dresses“ wurden auch hier viel getragen?
Twiggy: Absolut, es gab eine gewaltige Nachfrage. Aber leider haben die britischen Fabrikanten mich um viel Geld betrogen, deswegen habe ich das Geschäft aufgegeben und wollte lange nichts damit zu tun haben.

Die Dietrich : Seit zwei Jahren vermarkten Sie auf dem amerikanischen Homeshopping-Kanal HSN eine Kollektion namens „Twiggy London“. Wie kam es zu dem Sinneswandel?
Twiggy: Ich bin Künstlerin, aber ich sehe mich auch als Geschäftsfrau. Überall auf der Welt verkauften Leute Twiggy-T-Shirts oder Twiggy-Taschen, die nichts mit mir zu tun hatten. Und dann dachte ich: „Moment, das ist doch meine Marke.“ Jetzt kümmern sich Anwälte darum, dass mein Name nicht unerlaubt genutzt wird.

Die Dietrich : Und läuft das Geschäft?
Twiggy: Oh ja, die Kollektion ist enorm erfolgreich. Sie müssen bedenken, dass HSN in den USA ein Publikum von 90 Millionen Menschen hat. In den nächsten Monaten wollen wir deshalb auch in England eine neue, etwas andere Twiggy-Kollektion auf den Markt bringen.

Die Dietrich : Und was ist mit Deutschland?
Twiggy: Ich hoffe, das kommt noch.

Die Dietrich : Entwerfen Sie die Twiggy-Kollektion wirklich selbst?
Twiggy: Ich habe natürlich ein Team, aber ich bin völlig in den Designprozess eingebunden. Einer meiner Designer sitzt in New York, die anderen beiden arbeiten in Florida, und ich bin in London, aber wir sind ständig in Kontakt.

Die Dietrich : Passt Ihre Mode auch beleibteren Menschen?
Twiggy: Wir haben extra small bis extra extra extra large.

Die Dietrich : Das Magermodel Twiggy macht Übergrößen?
Twiggy: Ich habe nie jemandem vorgeschrieben, dünn zu sein, das wäre langweilig. Ich war von Natur aus mager, ich aß wirklich alles und hatte immer einen sehr gesunden Appetit.

Die Dietrich : Auf Ihrer neuen CD findet sich ein Lied, das Sie schon in den Siebzigern sangen, nämlich „At Seventeen“. Darin geht es um ein Mädchen, das sich ungeliebt fühlt. Warum bedeutet der Song Ihnen so viel?
Twiggy: Der Text erzählt eine Geschichte, die alle Teeanger kennen, diese Unzufriedenheit mit sich selbst. Ich hasste meinen Körper, meine dünnen Beine, ich wollte ein paar weibliche Formen haben. Dafür hatte ich Schulfreundinnen, die über ihre großen Brüste unglücklich waren. Als Teeanger willst du groß sein, wenn du klein bist, und dunkelhaarig, wenn du blond bist.

Die Dietrich : Wer nannte Sie eigentlich Twiggy? Dazu kursieren sehr viele, ganz unterschiedliche Versionen.
Twiggy: Der Bruder meines ersten Freundes. Ich hatte so dünne Beine, dass er mich „sticks“ (Stöcke) nannte, daraus wurde dann Twiggy (Zweiglein).

Die Dietrich : Sie werden oft mit dem Satz zitiert: „Man kann nicht sein ganzes Leben Kleiderbügel sein.“ Haben Sie deshalb nach nur vier Jahren aufgehört zu modeln?
Twiggy: Ach was, Sie wissen doch, dass man falsch zitiert wird. Ich liebte das Modeln. Ich hatte das Glück, immer wieder außergewöhnlichen Menschen zu begegnen, wie Ken Russell, der mich für „The Boy Friend“ engagierte…

Die Dietrich : …den Musicalfilm, für den Sie 1972 gleich zwei Golden Globes gewannen.
Twiggy: Als er mir das Musical vorschlug, dachte ich, er sei verrückt geworden. Ich hatte in der Schule und im Bad gesungen, aber ich hatte nicht im Traum daran gedacht, das öffentlich zu tun. Ken war damals der bedeutendste Regisseur Englands. Dass er mit mir arbeiten wollte, war eine so große Sache, als würde heute Steven Spielberg auf einen zukommen. So verliebte ich mich in die Filmwelt. Als der Film zum Erfolg wurde, bekam ich einen Plattenvertrag und eine Fernsehserie. Und ich entschied: Das will ich jetzt noch lieber machen.

Die Dietrich : Auf YouTube kann man sich die Aufnahmen aus den Siebzigern anschauen. Sehr brav! Kaum zu glauben, dass sich der wilde Bassist von Schockrocker Marilyn Manson ausgerechnet nach Ihnen benannte.
Twiggy: Ein ganz reizender Mann übrigens, ich nahm mal einen Song mit ihm auf.

Die Dietrich : Mögen Sie denn härtere Musik?
Twiggy: Ich höre nie Heavy Metal. Ich mag nette Musik, Singer & Songwriter, Pop. Und ich liebe Lady Gaga! Ich mag alles an ihr, sie hat eine große Stimme, ist eine große Komponistin und wirklich schlau.

Die Dietrich : Und sie ist eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau – so wie Sie.
Twiggy: Ich hatte eine sehr abwechslungsreiche Karriere, und das ist jetzt eben ein Teil davon. Ich habe das alles nicht geplant, vielmehr haben sich immer neue Möglichkeiten aufgetan. Wie am Broadway in New York zu spielen in den 80ern. Dazu hat mich Tommy Tune, der Musical-Regisseur, erst überreden müssen. Ich dachte nicht, dass ich achtmal die Woche live vor einem Publikum spielen könnte. Aber es wurde meine erstaunlichste Berufserfahrung.
Die Dietrich : Warum haben Sie damit so schnell wieder aufgehört?
Twiggy: Zwei Jahre auf der Bühne ist harte Arbeit. Ich wollte mein Leben zurück, ich hatte ja schon eine fünfjährige Tochter.

Die Dietrich : Carly arbeitet heute als Textildesignerin bei Stella McCartney. Hat sie sich dort ganz normal beworben?
Twiggy: Sie kennt Stella schon ihr ganzes Leben. Ihre Mutter Linda war eine enge Freundin von mir, Paul ist immer noch einer meiner besten Freunde. Meine Tochter ist eine sehr gute Zeichnerin, und als sie mal mit Stella Tee trank, hat die ihr ein Praktikum angeboten. Und jetzt arbeitet sie schon seit viereinhalb Jahren dort.

Die Dietrich : So lange werben Sie schon für die Kaufhausinstitution Marks & Spencer. Wie kamen Sie dazu?
Twiggy: Ich wurde einfach angerufen. Marks & Spencer hatte sich gerade einen neuen Chef und eine neue Agentur zugelegt. Das Unternehmen war nicht gerade für aufregende Mode bekannt, und das sollte sich durch die Kampagne ändern. Die Idee hat funktioniert.

Die Dietrich : Die Zeitungen nannten das den Twiggy-Effekt. Was macht Ihre Marke denn so erfolgreich?
Twiggy: Langlebigkeit, ich stehe seit 46 Jahren in der Öffentlichkeit. Deshalb vertrauen mir Frauen meines Alters; sie haben das Gefühl, sie kennen mich schon ewig.

Die Dietrich : Wahrscheinlich rechnen sie Ihnen an, dass Sie in Würde altern, also ohne offensichtliche Schönheits-OP.
Twiggy: Jede Frau soll tun, was sie will. Ich habe nichts machen lassen, noch nicht. Ich würde mir auf keinen Fall Botox spritzen lassen, das ist Gift. Besonders schlimm finde ich diese dicken Lippen. Die Leute sehen damit aus wie Fische!

Die Dietrich : Auf jeden Fall war auch Ihr Ratgeber, wie man sich angemessen als Frau über 40 kleidet, ein Bestseller.
Twiggy: Ja, das lief fantastisch. Aber ich mache auch Sachen einfach aus Lust – wie mit dem Theater auf Tour gehen.

Die Dietrich : Gibt’s ein Twiggy-Business, über das wir noch nicht geredet haben?
Twiggy: In Amerika kommt im Sommer mein erstes Parfüm heraus.

Die Dietrich : Und wie riecht Twiggy?
Twiggy: Entzückend natürlich. Es ist eine perfekte Mischung aus blumig und oriental. Nicht zu schwer, nicht zu süß, etwas, was der Masse gefällt.

Die Dietrich: Vielen Dank für das offene und Interessante Interview.
Twiggy: Das fand ich auch immer wieder gerne und viel Erolg weitherin mit Magazin Die Dietrich.

Twiggy: Rare Photos of a Sixties Icon

Der Künstler Richard Avedon, ein aus New York stammender Fashion- und Porträtfotograf, fotografierte von den 40er Jahren an sich dynamisch bewegende Modelle in eleganten Kleidern. Twiggy und Veruschka waren nur zwei von unzähligen Topmodels, die er ablichtete und dabei den Blick auf die Mode und die Frau veränderte. Bis heute ist sein legendärer Stil tausendfach in Editorial Strecken von internationalen Magazinen nachgestellt worden