Fashion Photography  Terry Richardson „Ich glaube nicht, dass ich sexsüchtig bin“

Magazin Die Dietrich 10.November 2016  – Anuschka Wienerl

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Terry Richardson „Ich glaube nicht, dass ich sexsüchtig bin“

Terry Richardson darf wieder aufs CoverTerry Richardson ist einer der einflussreichstenModefotografen – und er wird beschuldigt,jungeFrauen sexuell genötigt zu haben. Seine Bilderwaren lange von den Titelseiten verbannt, nun holten ihn zwei große US-Magazine zurück auf ihre Cover.

So funktioniert ein klassisches Terry-Richardson-Foto: Ein weißer Hintergrund, eine wenig bekleidete Frau, eine aufreizende Pose, Frontalblitz, fertig. Der Fotograf hat Bilder geschossen,

die für manche mehr Porno als Kunst sind: ein Model, das sich Milch aus einem Kuheuter ins Gesicht spritzt; eine Frau, die als Huhn verkleidetgoldene Eier legt; seine Assistentin, die in einem Mülleimer sitzt und ihn oral befriedigt.

Richardson hat auch Gwyneth Paltrow und Barack Obama fotografiert. Er hat das Musikvideo „Wrecking Ball“ inszeniert, in dem Miley Cyrus nackt auf einer Abrissbirne schaukelt. Er arbeitete für den Pirelli-Kalender, für Gucci, Diesel und Sisley. Richardson ist einer der bekanntesten und bestbezahlten Mode- und Promifotografen der Welt.

Er verdiene 160.000 Dollar am Tag, schrieb das „New York Magazine“ im vergangenen Juni.
Richardson ist aber auch einer der umstrittensten Fotografen. Mehrfach warfen ihm Models sexuelle Nötigung vor. So schrieb die Dänin Rie Rasmussen 2010: „Er manipuliert sie, bis sie sich ausziehen und er Fotos von ihnen macht, für die sie sich schämen. Die Mädchen haben Angst, nein zu sagen, weil sie von ihren Agenturen für den Job gebucht wurden und sie noch zu jung sind, um ihre eigenen Interessen zu vertreten.“

Im Frühjahr 2014 folgte der nächste Skandal, die nächsten – diesmal teils anonymen – Beschuldigungen. Richardson selbst lieferte mit einem Artikel in der „Huffington Post“ einen „Versuch, die Gerüchte richtigzustellen“: Sexualität sei schon immer Teil seiner Arbeit gewesen und er akzeptiere, dass dies zu Kontroversen führe, schrieb er. Die Vorwürfe gegen ihn seien jedoch „nichts mehr als eine emotional aufgeladene Hexenjagd“.

H&M distanzierte sich öffentlich von Richardson. Die US-Magazine „Vogue“ und „T“ sagten, sie hätten keine Pläne für eine weitere Zusammenarbeit. Und Lady Gaga, für die Richardson ein Musikvideo inszeniert hatte, zog den Clip zurück. 2013 waren Fotos von ihm noch auf mindestens zehn Covern von beliebten US-Magazinen erschienen, schreibt „Buzzfeed“. Doch seit Mai 2014 sei Schluss gewesen.

Richardson war zum Schmuddelkind degradiert, mit dem man sich nicht mehr einließ.Nun haben die US-Ausgaben von „Harper’s Bazaar“ und „Rolling Stone“ Richardson aus der Verbannung geholt. Auf den Covern sind zwei seiner Fotos zu sehen. Das eine zeigt Topmodel Miranda Kerr, den Oberkörper nur von ihren Armen bedeckt; das andere Sängerin Nicki Minaj im weißen Hemdchen, unter dem ihre Brüste hervorquillen.

Für Sara Ziff, Ex-Model und Chefin der Organisation „Model’s Alliance“, sind die Titelbilder ein herber Schlag. Es sei sehr unglücklich, dass sich die Magazine nicht an denselben Standards messen würden wie die „Vogue“, sagte sie „Buzzfeed“. Es sei nicht bloß ein Comeback, heißt es in dem Artikel. „Es ist ein Statement.“

„Ich glaube nicht, dass ich sexsüchtig bin“
Richardson wurde nie angeklagt. Es gibt Models, ehemalige Mitarbeiter und Prominente wie Jared Leto, die den Fotografen in Schutz nehmen. Er selbst hat die Vorwürfe stets bestritten. Dass er mit Models manchmal nach der Arbeit Sex hatte, ist kein Geheimnis. Aber immer mit deren Einverständnis, wie Richardson sagte. Um die Stimmung am Set aufzulockern, war er selbst häufig nackt. „Ich glaube nicht, dass ich sexsüchtig bin, zitierte der „Guardian“ ihn 2010, „aber ich habe Probleme.“

Zu seiner Biografie gehören eine Kindheit in Armut und eine Jugend mit Drogenproblemen. Richardsons Vater war Modefotograf und verließ die Familie früh für Anjelica Huston. In den Siebzigerjahren zog Richardson mit seiner Mutter, einer Stylistin und Tänzerin, erst nach Woodstock, später nach Los Angeles. Nach einem schweren Unfall lebte die Familie von Sozialhilfe. „Ich habe schon als Kind angefangen, Gras zu rauchen, als ich zehn oder elf war“, sagte Richardson 2004 der „Welt“. Mit dreizehn habe er jeden Tag gesoffen. Später war Richardson jahrelang heroinabhängig. Seine Ehe mit dem Model Nikki Uberti hielt nur kurz.

Über die Kontakte seines Vaters gelang ihm der Einstieg in die Fotobranche. Sein Markenzeichen, den sogenannten Porno-Chic, entwickelte er schon früh. Models berichteten, Richardson wolle am Set gern „Uncle Terry“ genannt werden. Und wie der nette Onkel von nebenan sieht er auch aus mit seinen langen Koteletten, den Geheimratsecken, dem Schnauzer und der Riesenbrille, dazu Jeans, Turnschuhe, Karohemd. Die typische Richardson-Geste ist das „Daumen hoch“. So posierte er auf Fotos mit Ellen DeGeneres, Tom Ford, Rita Ora, Annie Leibovitz, Jeff Koons.

Richardsons großer Einfluss innerhalb der Branche, sowie seine langjährigen Beziehungen mit einflussreichen Magazinen und Kunden, seien der Grund dafür, dass es vielen Models schwerfalle, ihn offen zu kritisieren, schrieb Ex-Model Jenna Sauers schon 2010 auf „Jezebel“. „Also buchen die Verantwortlichen bei den Magazinen – die nicht mal im Traum daran denken würden, ihre junge Tochter mit jemandem wie Terry Richardson allein zu lassen – ihn weiter für Shootings mit den Töchtern von anderen Leuten.“

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