Skandalfotograf Terry Richardson /Photography

Die Dietrich 28.August 2018

 

Terry Richardson ist der bestbezahlte Fotograf der Welt. Er ist aber auch der kontroverseste. Seit Jahren tauchen immer wieder Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung gegen ihn auf. Der Condé Nast-Verlag will jetzt nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten. Der Weinstein-Skandal hat endlich auch die Modebranche erreicht.
Das fragte sich die heute 27-jährige Charlotte Waters in einem Interview mit dem Onlinemagazin Vocativ. Damals war sie 19 – und der Mann, der ihr das alles angetan haben soll, ist niemand geringeres als der bestbezahlte Fotograf der Welt: Terry Richardson. Um die 58 Millionen Dollar verdient er im Jahr mit seinen Fotos zwischen bewusst trashiger Schnappschuss-Ästhetik und Pornochic. Das simple Konzept: Ein Mensch vor einer weißen Wand, fotografiert mit ultrahartem Blitz.
Der Mensch ist entweder prominent oder ein blutjunges Model, halbnackt und in sexuell eindeutigen Posen. Auch immer wieder auf den Fotos dabei: Terry Richardsons Penis. In den Gesichtern, manchmal auch in den Mündern der Mädchen. Pure und platte Provokation. Aber auch verdammt öffentlichkeitswirksam.
Mit seinem Stil wurde Richardson zum Star in der Mode- und Fotobranche. Er lichtet Promis wie Mila Kunis und Lady Gaga ab, unter seinen Stammkunden finden sich große Modehäuser wie Marc Jacobs und Tom Ford. Auch Magazine wie Vanity Fair, Rolling Stone oder Vogue veröffentlichen regelmäßig seine Fotos. Dass Charlotte Waters längst nicht das erste Model ist, das Richardson sexuelle Übergriffe vorwirft, scheint seine Auftraggeber nicht zu stören.
Regelmäßig gibt es Anschuldigungen von jungen Frauen, die er im Rahmen seiner Arbeit sexuell belästigt haben soll. Die meisten wollen anonym bleiben – aus Angst um ihre Karriere. Nur wenige sind an die Öffentlichkeit getreten. Eine von ihnen war das britische Model Emma Appleton.
2014 hat sie auf ihrem Twitter- und Instagramprofil einen Screenshot von ihrem Handy gepostet, auf dem offenbar gerade eine Facebook-Nachricht von Terry Richardson angekommen ist: „Wenn ich dich ficken darf, buche ich dich für ein Vogue-Shooting in New York“.
Richardsons Sprecherin hat die Echtheit der Nachricht damals zwar sofort dementiert und es lässt sich kaum beweisen, ob es wirklich Terry Richardson war, der Appleton diesen fragwürdigen Deal vorgeschlagen hat – doch ein fader Beigeschmack bleibt. Denn im Netz kursieren haufenweise ähnliche Aussagen, die Richardson gemacht haben soll. Sie stimmen nachdenklich, ob Richardsons Beziehungen zu den Models immer professionell ablaufen:
„Es geht nicht darum, wen du kennst, sondern wem du einen bläst. Ich hab ja nicht umsonst ein Loch in meiner Hose.“
Terry Richardson
Seine Visitenkarte soll früher der Spruch „Fotografier die Besten, vergewaltige den ganzen Rest.“ geschmückt haben. Manche Vorwürfe kommentierte Richardson, andere ignorierte er, wieder andere stritt er ab. Im März veröffentlichte er dann in der amerikanischen Huffington Post ein Statement, in dem er alle Anschuldigungen als Lügen bezeichnet. Bei seinen Shootings würden die Models nur Dinge tun, die sie selbst auch wollen:
„Ich habe mit erwachsenen Frauen zusammengearbeitet, die genau wussten, wie hier gearbeitet wird. Und wie es sich bei jedem Projekt gehört, wurden Einverständniserklärungen unterschrieben. Ich habe nie einen Arbeitsauftrag dazu missbraucht, jemanden zu etwas zu zwingen, das nicht gewollt war.“
Terry Richardson
Seine sexuell aufgeladenen Bilder beschreibt Richardson in dem Statement als Kunst, die provozieren soll. Über Diskussionen, die daraus entstehen freue er sich. Bisher sind auch die Missbrauchsvorwürfe nicht mehr als eine öffentliche Debatte. Aussage steht gegen Aussage. Bisher ist kein Model soweit gegangen, Richardson auch vor Gericht der sexuellen Ausbeute zu beschuldigen.
Und die Modebranche? Die schweigt und schätzt Onkel Terry, wie Richardson sich selbst gerne nennt. Emma Appleton musste nach ihrem Tweet erfahren, wie gleichgültig viele auf ihre Vorwürfe reagieren: „You’re in the industry and you’re surprised by that message? You’re in the wrong industry, sweetheart.“, soll ein Designer geantwortet haben. Andere warfen ihr vor, die Nachricht gefälscht zu haben, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ihren Twitter-Account hat die Britin längst gelöscht.
Jetzt aber scheint sich die Lage zu ändern: Der mächtige Condé Nast-Verlag will offenbar die Zusammenarbeit mit dem Skandal-Fotografen beenden. Der Grund für die Entscheidung ist vermutlich ein Artikel, der in der Sunday Times erschienen ist. Darin bezeichnen die Autoren Richardson als „Weinstein der Modebranche“ und fragen, warum er dort noch immer hofiert wird.
Wie lange der Verlag den Boykott tatsächlich durchzieht, ist allerdings nicht sicher: Schon im Frühjahr 2014, als Charlotte Waters und Emma Appleton mit ihren Vorwürfen an die Öffentlichkeit gingen, hatte die amerikanische Vogue Richardsons Bilder von ihren Titelseiten verbannt. Nach ein paar Monaten wurden sie dann aber doch wieder gedruckt.