Sid Vicious und Nancy Spungen – Drama einer Nacht

Sid and Nancy (1986)

Die Dietrich – Anuschka Wienerl / 05.Januar 2019

12. Oktober 1978: Nancy Spungens ominöser Tod im New Yorker Chelsea Hotel.

Was wirklich geschah in der Nacht vom 11. auf den 12. Oktober 1978 im Zimmer 100 des New Yorker Chelsea Hotel, wird wohl ebenso ein Geheimnis bleiben wie der Tod des mutmaßlichen Täters Sid Vicious wenige Monate später. Vicious, der 1977 Ur-Bassist Glen Matlock bei den Sex Pistols ersetzt hatte, nahm die Wahrheit über den Tod seiner amerikanischen Freundin und Managerin Nancy Spungen mit ins Grab.
Wenige Monate später war das, am 2. Februar 1979. Nach 55-tägiger Haft mit Heroinentzug im berüchtigten Knast Rikers Island wurde Vicious freigelassen – gegen eine fünfstellige Kautionssumme, hinterlegt von Mick Jagger. Einen Tag später starb Vicious alias John Beverly alias John Simon Ritchie in einem Apartment in Manhattan an einer Überdosis Heroin, die ihm sein Freund Peter Kodick be­­sorgt hatte. Obwohl diverse Personen anwesend waren, die wohl versuchten, den schwer Angeschlagenen wachzuhalten, fand Vicious‘ Mutter Anne Beverly ihn am nächsten Morgen tot auf. Warum keiner in der Nacht eine Ambulanz gerufen hatte, blieb ebenso offen wie die Frage, wer überhaupt alles vor Ort gewesen war.

Auch Nancy Spungens gewaltsamen Tod umgeben zahllose Ungereimtheiten: Zuerst be­­hauptete Vicious, er habe Spungen nach einer Drogennacht am Morgen tot auf dem Badezimmerboden aufgefunden – mit einem tiefen Messerstich im Bauch, an dem sie verblutet war. Das Tatwerkzeug gehörte Vicious. Gestritten habe er mit ihr, wie so häufig, seit die unheilige Allianz Vicious-Spungen begonnen hatte.
In weiteren Details widersprach er sich: Mal hieß es, er stach auf sie ein, wollte sie aber keinesfalls töten, dann wieder, dass sie während des Streits ins Messer gefallen wäre. Dass das Pärchen Hassliebe füreinander empfand, sadomasochistische Rollenspiele praktizierte und auch sonst zur physischen Gewalt neigte, dürfte unbestritten sein.
Wenige Tage nach seinem Ableben fand Sids Mutter angeblich einen Ab­­schiedsbrief in seiner Jacke: „Wir hatten einen Todespakt und ich muss meinen Teil des Versprechens einlösen. Bitte beerdigt mich in meiner Lederjacke, Jeans und Motorradstiefeln neben meinem Baby“

Nach der Trennung der Band betreute Spungen als Managerin die kurze Solokarriere von Sid Vicious. Im Oktober 1978 fand man Spungen erstochen im Bad von Zimmer 100 des Chelsea Hotels in New York City auf. Vicious wurde daraufhin wegen Mordverdachts festgenommen, aber gegen eine Kaution von 50.000 US-Dollar, gestellt von Virgin Records, wieder auf freien Fuß gesetzt. Kurz vor dem Prozess starb Vicious am 2. Februar 1979 an einer Überdosis Heroin. Spekulationen, er sei nicht über den Tod seiner Freundin hinweggekommen und durch Suizid gestorben, halten sich bis heute.
Ihre kurze, konfliktreiche Beziehung zu Sid Vicious wurde 1986 unter dem Titel Sid und Nancy verfilmt. Der deutsche Schauspieler Ben Becker schrieb und inszenierte 1995 mit seiner Schwester Meret Becker ein Theaterstück über Sid & Nancy.

Es gibt nichts Hässlicheres als zwei Junkies, die sich streiten. Selbst Alex Cox weiß das, der britische Regisseur, dessen fehlgeleiteter Klaumauk Sid & Nancy 1986 in die Kinos kommt. Der Film zeichnet das letzte Jahr im Leben von Sid Vicious und Nancy Spungen als kultige Punkromanze zwischen Anarchie und Drogenkitsch nach, in der bis zum Schluss kaum Schlimmeres passiert als ein paar Flüche, ein paar Blackouts und ein unangenehmes Familientreffen. Kein Wunder, dass Punkjournalisten den Film später immer wieder zum Klassiker wählen und seriöse Journalisten warnen, Cox verharmlose zu viele Aspekte der Geschichte. Eine Szene sitzt in jedem Fall: Vicious und Spungen hängen zugedrogt auf dem Bett ihres Hotelzimmers im New Yorker Chelsea Hotel und fangen an, sich aufs Erbärmlichste anzuschreien. Spungen will gemeinsamen Selbstmord begehen, Vicious will das nicht, was folgt ist ein ekelhafter Streit, bei dem sich das Paar mit verzerrten Gesichtern beleidigt und schlägt und Spungen in ein Messer läuft, das Vicious in ihre Richtung hält.

Anschließend gehen beide ins Bett, dann wacht Spungen wieder auf, schleppt sich mitsamt ihrer Bauchwunde ins Bad und stirbt dort, während Vicious weiterschläft, ohne etwas zu merken. Der Legende nach haben Gary Oldman und Chloe Webb in den beiden Hauptrollen den Streit auf Grundlagen alter Interviews improvisiert und sich erst zum Erstechen wieder an ein Drehbuch gehalten; vielleicht hätten sie es im ganzen Film weglassen sollen. An Tatsachen hält sich das bunte Drama, das Cox mit „Love Kills“ untertitelt hat, sowieso nur lose. Die Liebe hat Nancy Spungen bestimmt nicht umgebracht. Nur ist bis heute nicht bewiesen, wer es sonst war.

Im Film fängt die Beziehung von Sid und Nancy wildromantisch an, als sich der Punkrocker und das Groupie kennenlernen, und wer nicht zu genau hinschaut, mag tatsächlich an ein tragisches Punkmärchen glauben. Nancy Spungen ist noch ein Teenager, als sie von Philadelphia nach London zieht und dort Teil der Punkszene wird. Die Uni hat sie herausgeworfen, weil sie einem Undercover-Polizisten Gras abkaufen wollte und in ihrem Zimmer Diebesgut versteckt haben soll. Seitdem hat Spungen, die als Kind eine Klasse übersprungen hat, keine Lust mehr aufs Bildungssystem und auf die USA. In London verdient sie sich ihr Geld als Sexarbeiterin und hängt mit den frühen Punkbands ab. So trifft sie auch Vicious alias John Ritchie alias John Beverley, der gerade dabei ist, als Bassist der Sex Pistols berühmt zu werden. Sein Ruhm gründet vor allem darauf, dass er aufregend aussieht, nicht Bass spielen kann und alles kaputthaut, das ihm in die Quere kommt. Die Punkkids verlieben sich, nehmen zusammen immer mehr immer härtere Drogen und beschließen nach dem Zerfall der Sex Pistols, sich in New York gemeinsam um Vicious’ Solokarriere zu kümmern.

Bevor die in die Gänge kommt, liegt Spungen tot im Badezimmer, und Vicious, der zunächst als Hauptmordverdächtiger festgenommen wurde, stirbt vier Monate später nach einer Party zur Feier seiner vorläufigen Freilassung auf Kaution an einer Überdosis Heroin.

Die eigentlich Tragik fängt schon viel früher an. Weder Spungen noch Vicious hatten eine glückliche Kindheit. Deborah Spungen wird später das Buch And I Don’t Want To Live This Life über das Leben und den Tod ihrer Tochter veröffentlichen und Nancy darin als extrem schwieriges Kind beschreiben, das schon als Baby immer nur schrie, später eine Babysitterin umbringen wollte und schließlich als schizophren diagnostiziert wurde. Die Mutter schiebt die Probleme ihrer Tochter darauf, dass die bei der Geburt fast von der Nabelschnur erwürgt worden wäre, auch wenn Ärzte keine Folgeschäden feststellen können. Die Spungens schicken ihre Tochter auf ein Internat, das auf Kinder mit psychischen Krankheiten spezialisiert ist; Nancy haut ab. Später wird sie gern als frühreifes Monster dargestellt, das Vicious die Jungfräulichkeit und die Karriere nimmt und ihm dafür den ersten Schuss setzt. Wahrscheinlich ist aber, dass die beiden verlorenen Kids mehr aneinander finden. Denn auch wenn es gut möglich ist, dass Vicious erst mit Spungen zusammen Heroin probiert, kamen seine ersten Drogen von der eigenen Mutter.

Anne Beverley brachte ihren Sohn alleine durch, nachdem ihr erster Mann sich aus dem Staub gemacht hatte und der zweite gestorben war. Die Kleinfamilie zog quer durch England und lebte zwischendurch auf Ibiza, wo Beverley sich als Dealerin durchschlug. Den Erzählungen nach durfte sich der junge John schon als Jugendlicher an ihrem Vorrat bedienen; nur das Heroin behielt sie zunächst für sich. Als ihr Sohn später angeklagt ist, die eigene Freundin umgebracht zu haben, soll Beverley diejenige sein, die ihm die tödliche Dosis gibt, um ihn vor dem Gefängnis zu bewahren. Ob sie das vor ihrem eigenen Tod tatsächlich gestanden hat, ist umstritten. In jedem Fall treffen 1977 in London nicht zwei gelangweilte Teenies mit Hummeln im Hintern aufeinander, sondern zwei Menschen, bei denen in jeweils nicht mal 20 Jahren schon viel zu viel schiefgelaufen ist. Für Spungen und Vicious ist die junge Punkszene Londons kein Ort, um Mittelklasse-Ennui abzulassen, sondern der einzige Ort, an dem sie sich einigermaßen richtig fühlen können. Und als der Punk sie nicht mehr will, bleiben ihnen nur sie selbst.

Über die Rolle der Sex Pistols im Punk ist viel gestritten worden. Manche sehen in der Band, die nur zweieinhalb Jahre bestand und in dieser Zeit nur ein Album veröffentlichte, Ikonen des Nihilismus, Hedonismus oder der gekonnten Königinnenlästerung. Andere verlachen sie bis heute als auf Krawall getrimmte Castingband. Manager Malcolm McLaren kommt Mitte der 70er Jahre auf die Idee, ein paar junge Musiker unter seine Fittiche zu nehmen, die ihre Freizeit im SEX verbringen, dem Klamotten- und Plattenladen, den McLaren zusammen mit seiner Freundin Vivienne Westwood betreibt. Nachdem McLaren mehrere Mitglieder ausgetauscht und sich für den Bandnamen Sex Pistols entschieden hat, spielt die Band Ende 1975 ihr erstes Konzert. 1977 wirft McLaren Bassist Glen Matlock aus der Band und ersetzt ihn durch Sid Vicious, der sich der Legende nach als größter Fan hervorgetan hat.

Angeblich hatte Westwood ihn schon als ursprünglichen Sänger vorgeschlagen und McLaren mit Johnny Rotten alias John Lydon nur versehentlich den falschen John engagiert. Bass spielen kann Vicious jedenfalls nicht, das muss Gitarrist Steve Jones fürs Album Never Mind The Bollocks, Here’s The Sex Pistols übernehmen, aber dafür sieht McLaren in ihm den perfekt vermarktbaren Punk, der immer kaputter auftritt, bis Rotten es schließlich leid ist. Anfang 1978 lösten sich die Sex Pistols auf. Zu diesem Zeitpunkt kann sich Vicious auf der Bühne kaum noch auf den Beinen halten, die Band hat einen Hass aufeinander entwickelt und bald auch keine Lust mehr auf McLaren, von dem sie sich abgezogen fühlt. Von Nancy Spungen will sowieso niemand mehr etwas wissen.
Anders als Vicious, der als den Drogen und der Gesellschaft zum Opfer gefallener netter Junge bemitleidet wird, sieht die Punkszene Spungen schnell in der Täterrolle. Wie schon Yoko Ono vor ihr und Courtney Love danach wird Spungen zum Inbegriff der verrückten Hexe, die Karrieren, Bands und Leben zerstört, um selbst ein bisschen Ruhm abzubekommen. Zeitgenossen beschreiben sie als Biest, als anstrengend, als unerträglich, als „Nauseating Nancy“, die ihren Freund mit sich in den Abgrund reißt. Schon vor ihrem Tod soll sich das Paar regelmäßig öffentliche Szenen liefern, bei denen beide handgreiflich werden. Tatsächlich ist vor allem Vicious für Gewaltausbrüche bekannt, die weit über das Kaputthauen von Gegenständen hinausgehen. Noch bevor er bei den Sex Pistols einsteigt, wirft er bei einem Konzert von The Damned aus Rache ein Glas Richtung Bühne. Er verfehlt die Band, die ihn seiner Meinung nach absichtlich nicht als Sänger haben wollte, und trifft stattdessen ein Mädchen am Auge, das daraufhin halb erblindet. Auf der letzten Sex-Pistols-Tour durch die USA legt er sich mit einem Fan im Publikum an und zieht ihm seinen Bass über den Schädel. Chrissie Hynde beschreibt, wie er bei Konzerten eine Metalkette aus der Jacke zieht und sie über die Tanzfläche kreisen lässt, ohne Rücksicht auf die tanzenden Besucher.

Den Musikjournalisten Nick Kent verprügelt er mit einem Fahrradschloss. Kurz vor seinem eigenen Tod greift er Patti Smiths Bruder an und wird dafür festgenommen. Und auch Nancy Spungen soll Freunden gegenüber zugegeben haben, dass ihre blauen Flecken nicht wie behauptet vom Zusammentreffen mit einer Straßengang stammen, sondern von Auseinandersetzungen mit ihrem Freund.
Dass Spungen und Vicious beide auf Messer, Handschellen und laute Wortgefechte gestanden haben sollen, hilft ihr nicht weiter. Wer selbst ständig so rumpöbelt, kinky Spielchen und Drogen mag und dann auch noch als schizophren diagnostiziert wurde, der ist schließlich nicht mehr zu helfen. Dabei bringt Spungen keine noch so dysfunktionale Liebe um, sondern ein Messer, das sie Vicious erst kurz vorher geschenkt hat.

Die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass er sie damit tötet. Andere Spekulationen sehen einen diebischen Drogendealer als Täter oder denken sich wie Cox eine Szene zusammen, in der Spungen mehr oder weniger selbst ins Messer fällt. Angeblich hatte das Paar einen Selbstmordpakt vereinbart, den Vicious bricht und damit den Streit auslöst. Darauf deutet zumindest eine Abschiedsnotiz hin, den seine Mutter nach seinem Tod bei ihm gefunden haben will: „Wir hatten einen Todespakt, und ich halte jetzt meinen Teil davon ein.“ Was dran ist, wird wohl nie endgültig zu klären sein, weil Vicious stirbt, bevor es zur Verhandlung kommt. Seine Asche wird Berichten nach über dem Grab von Nancy Spungen verstreut. Bis heute gilt die Geschichte der beiden als eine Art Romeo-und-Julia-Punkmärchen. Das passt vom Ende her nur, wenn man wirklich an einen merkwürdigen Doppelselbstmord glaubt, aber der Rest kommt fast hin: Zwei viel zu junge Leute aus fürchterlichen Elternhäusern, die sich vor allem ins eigene Drama verlieben, weil sie sich gegenseitig eigentlich nur ganz kurz kennen. Es gibt noch ein Notiz von Sid Vicious, auf der er ein paar Monate vor ihrem Tod aufzählt, was Nancy so großartig macht. Von den zwölf Punkten, die er auflistet, haben neun damit zu tun, wie sexy er sie findet, zweimal nennt er sie schlau und einmal eine clevere Abzockerin. Mehr fällt ihm zu seiner großen Punkliebe mit 20 noch nicht ein.
Nancy Spungen ist auf dem King David Cemetery in Bensalem (Pennsylvania, USA) begraben.
Ihre Mutter Deborah schrieb ein Buch über die Lebensgeschichte der Tochter.