Interview Ellen von Unwerth

Modefotografin Ellen von Unwerth im Interview

Die Dietrich / Anuschka Wienerl – 02.Dezember 2018

Ellen von Unwerth war früher selbst mal Model – bis sie hinter die Kamera wechselte und seitdem zu den wenigen, weiblichen Topfotografinnen in der Fashion-Szene gehört.

Anlässlich der Ausstellungseröffnung traf DieDietrich die Fotografin in Berlin.

Wie viel Freiheit hast du sonst bei Auftragsarbeiten?

Ellen von Unwerth: Die Kunden, die mich buchen, wissen ja eigentlich, auf was sie sich einlassen. Die buchen mich wegen meines Stils. Auf der anderen Seite weiß ich auch, was man für welchen Kunden machen kann und wie weit man gehen kann. Ich mache das nun schon eine ganze Weile und ich weiß, was die Kunden wollen – bei dem einen darf man davon nicht zu viel machen, bei dem anderen darf es nicht zu sexy sein, beim nächsten darfst man nicht zu brav sein. Unterm Strich versuche ich natürlich immer, gute Fotos zu machen. Wie gesagt: Ich kenne meine Kunden und sie mich. Sie wissen, was ich mache, und sie wollen diese Lebenslust haben. Ich habe da schon eine gewisse Freiheit.

„Ich mag es einfach, wenn sich die Leute bewegen. Geposte Bilder sind nicht so mein Ding.“ Ellen von Unwerth

Sind Leute in Zeit von Selfies eher bereit sich fotografieren zu lassen?

Ellen von Unwerth: „Menschen lieben es, Fotos von sich zu machen. Heute geht man auf eine Party und alle dort machen Fotos. Das hat sich sehr verändert.“Es sind nicht nur Models, sondern auch Fotografen, Performance-Künstlerinnen, Sängerinnen zu sehen. Warum arbeitest du gern mit Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen?

Ellen von Unwerth: Ja, wenn sie mich inspirieren, wenn sie Lust darauf ­haben und dabei locker und nicht zickig sind. Caroline Vreeland habe ich zusammen mit Tasya van Ree kennen­­gelernt und fand, dass sie zusammen ein tolles Paar ­waren. Die haben dann auch sofort dreimal Ja gesagt. Ich finde es sehr interessant, wenn die Leute selbst Künstler sind – sie können dann einfach auch etwas anderes geben. Ebenfalls interessant ist, wie sie aussehen und welche Ausstrahlung und Energie sie haben. Eva Doll ist ja auch eher Schauspielerin, aber auch Model … schon beides. Aber ein paar Models waren schon dabei, wie auf den Bildern unschwer zu er­kennen ist.

Wenn man sich Bilder ansieht, auf denen viele Leute sind, fällt auf, wie sehr alle Darsteller bei der ­Sache sind. Wie erreichst du das?
Ellen von Unwerth: Ja, das ist dann auch immer eine Sache, wie man sie ­di­rigiert. Die müssen schon „on it“ sein. Ich sage ihnen schon, was sie machen sollen – nicht genau, aber das ist eigentlich wie auf einem Filmset. Ich sag ihnen, „Du machst jetzt das, ihr macht jetzt das“, aber ich lasse ­ihnen auch die Freiheit, sich auszudrücken. Deshalb braucht man auch eher Leute, die schauspielerisch ­begabt sind. Dein Eindruck liegt aber auch an der Auswahl der ­Bilder … Es ist ja nicht so, dass jedes Bild ­perfekt ist. Man muss schon mehrere Bilder machen, um eines zu finden, auf dem alle Beteiligten gut getroffen sind. ­Deshalb mache ich immer sehr viele Bilder.

Ein ehemaliger Assistent meinte einmal dazu, dass du das ganze Geschehen auf dich zentrierst und agierst wie ein Regisseur. Aber das hast du ja eben selbst schon gesagt.

Ellen von Unwerth: Ja, ich mag es einfach, wenn sich die Leute bewegen und wenn irgendetwas passiert. Geposte Bilder sind nicht so mein Ding. Vor allem für dieses Heft wollte ich so etwas auf gar keinen Fall. Allerdings gibt es auch ­eine Serie von Porträts, in der ich jeden vorstelle, der mit­gespielt hat. Aber für das Meiste wollte ich, dass es ­filmisch aussieht und eine Geschichte erzählt.

Hat es eine Rolle gespielt, dass du die Seiten gewechselt hast, dass du früher vor der Kamera gestanden hast und jetzt dahinter? Ändert ein solcher Hintergrund die Arbeitsweise?

Ellen von Unwerth: Auf jeden Fall! Ich war ja als Model immer irgendwie frustriert. Vom Anfang meiner Laufbahn bis zum Ende, obwohl ich wirklich mit tollen Fotografen arbeiten konnte. Mein Problem war, dass ich sehr lebhaft bin und vor der Kamera immer irgendwelche Sachen machen wollte. Früher haben die Fotografen aber immer gesagt: „Nein, beweg dich nicht! Schau nach links! Schau nach rechts! Nicht lachen!“ Ich war deshalb nie richtig zufrieden damit. Sobald ich angefangen hatte zu fotografieren, habe ich dann meine Models gebeten …

Wenn man sich deine Bilder ansieht, fällt auf, dass ­Erotik immer eine große Rolle spielt. Oder ist Sinnlichkeit das bessere Wort?
Ellen von Unwerth: Ich würde sagen Sinnlichkeit. Und Lebenslust. Und hübsche Frauen. Ein bisschen Frivolität.
Nur wenige Fotografen stellen die Frau an sich so ­explizit in den Mittelpunkt wie du. Helmut Newton hat zwar völlig anders gearbeitet, aber ­Parallelen gibt es schon. Newtons Frauen waren aber monumental, auf ihre Weise unnahbar und einschüchternd. Diese Frauen hingegen scheinen vor Sinnlichkeit gerade­­zu zu explodieren und sind gleichzeitig sehr starke Persönlichkeiten.
Ellen von Unwerth: Genau darum geht es. Da spielt das Casting eine große Rolle. Die Frauen, die ich aussuche, müssen sich durch ihre Sinnlichkeit und Persönlichkeit auszeichnen und sie müssen es vor der Kamera auch wirklich ausleben können. Sie müssen Spaß daran haben, sehr weiblich und sexy rüberzukommen. Und sie müssen in der Lage sein, Weiblichkeit zu feiern. Das macht ja gerade den Spaß aus, dies nicht zu unterdrücken und so die Frau auf ein Podest zu heben. Aber in einer anderen Weise, als es Newton ge­macht hat, der weniger die Persönlichkeit der Frauen herausgestellt hat, sondern das ­Statueske und Starke, nicht den Spaß, den ich mit den Frauen habe.

Würdest du sagen, dass Männer Frauen so nicht foto­grafieren können?
Ellen von Unwerth: (Überlegt) Ich würde sagen: anders. Ich liebe Newtons Fotos. Ich finde sie großartig. Aber sie sind eben anders. Jeder macht das anders. Möglicherweise haben die Frauen, die ich fotografiere, mehr Vertrauen zu mir und zeigen sich deshalb anders als bei einem Mann. Vielleicht, weil der anders darauf reagieren würde. Aber es gibt auch viele andere Frauen, die Frauen fotografieren, und jede macht es anders. Deshalb kann man das nicht so generell sagen.