Kat Frankie Kunstvolles, höchst intimes Album

„Ich hab noch nie ein Album gemacht, dass so voller Sex war wie dieses“, sagt Kat Frankie.

Die Dietrich 25.Januar 2018 von Anuschka Wienerl

Die dunkelbunte Welt der Songwriter-Musik und die helle, manchmal grelle Welt des Mainstream Pop – für Kat Frankie schließen sie einander nicht aus, „alles, was ich tue“, sagt sie, „bringt mich weiter; ich will niemals aufhören zu lernen“.

Kat Frankie kommt aus Sydney, sie singt, seit sie ein kleines Kind ist. Ihre ersten Kompositionen waren gesungene Briefe, die sie auf Kassette aufnahm und an ihre Großmutter schickte.
Kat Frankie kommt aus Sydney, und sie singt, seit sie ein kleines Kind ist; ihre ersten Kompositionen waren gesungene Briefe, die sie auf Kassette aufnahm und an ihre Großmutter schickte.

Als Teenager sang sie am liebsten R’n’B-Stücke nach: „Boyz II Men waren für mich ein großes Vorbild“, sagt sie. Ihre Eltern hatten kein Geld, um ihr Musikunterricht zu bezahlen oder gar eine Gitarre oder ein Klavier. Alles, was sie hatte, waren zwei Tapedecks. Darum begann sie sich im Beatboxing zu üben: „So hab ich auf einer Cassette meinen Rhythmus gerappt; dann hab ich ihn abgespielt und drüber gesungen und das auf der zweiten Cassette aufgenommen.

“ So hat sie im Grunde schon damals jene musikalische Technik entwickelt, die sie bis heute verfolgt; ihr Lieblingsinstrument ist die Loop Station, mit ihrer Hilfe singt sie mit sich selber im Chor oder spielt mit ihrer Gitarre ganz allein Duette.
Wobei die Gitarre erst spät in ihr Leben trat:

„Ich war 17, als ich zum ersten Mal auf einer spielte“, und bis heute wirkt ihr Verhältnis zu diesem Instrument distanziert. Dabei verdankt sie ihm den Beginn ihrer künstlerischen Karriere. Während des Design-Studiums begann sie in Pubs aufzutreten, „ich spielte Gitarre und sang dazu Lieder, mal zornig, mal traurig, das totale Klischee“.

Aber erfolgreich – 2004 kündigte sie ihren Job und zog nach Berlin: „Ich war ein großer Fan von den „Chicks on Speed“; in einem Interview hatten die gesagt, dass der Berlin der beste Ort zum Musikmachen auf der ganzen Welt ist, und ich hab ihnen das geglaubt.“
Kunstvolles, höchst intimes Album
Als Kat Frankie in der deutschen Hauptstadt ankam, war dort gerade der so genannte „Antifolk“ das beliebteste Genre. Die Sängerin und Songwriterin Kitty Solaris nahm sie unter ihre Fittiche und brachte auch Kat’s Albumdebüt „Pocketknife“ (2007) auf ihrem eigenen Label heraus.

„So rutschte ich damals in diese Szene hinein, obwohl das eigentlich gar nicht zu mir passte: Antifolk hatte ja immer sowas Putziges und Oberflächliches – ich wollte dagegen immer wahrhaftig sein und Songs mit großen Gefühlen schreiben.“

So wurden in den folgenden Jahren auch sehr ernsthafte Menschen zu ihren Vorbildern, PJ Harvey, Tom Waits und Rufus Wainwright.
Zwei weitere Platten brachte sie dann auf ihrem eigenen Zellephan Label heraus, „The Dance Of A Stranger Heart“ (2010) und „Please Don’t Give Me What I Want“ (2012):

Auch sie waren noch vom Tonfall des Songwriter-Pop geprägt, doch wurde ihre Musik immer reicher und vielgestaltiger – nicht zuletzt, weil Kat Frankie die Loopstation entdeckte und damit zu arbeiten begann. „Das ist so ein einfaches Instrument, aber man kann damit so viel machen!

Ich fühlte mich einerseits in meine Kindheit zurückversetzt. Aber andererseits erschloss ich mir mit den Harmony Vocals, die ich mit mir selbst singen konnte, ganz neue Stile“; jenseits des Songwriter-Folk kehrte sie wieder zur Musik ihrer Jugend, zu R’nB‘ und Soul, zurück, „und ich hab in dieser Zeit auch viel Gospel gehört und Doo Wop aus den 1940ern.“

 

Eines steht für Kat Frankie jedenfalls fest:

„Ich wollte niemals nur das traurige Mädchen an der Gitarre sein.“

Das war sie schon wegen der zahlreichen Seitenprojekte nicht, die sie in den fünf Jahren nach ihrer letzten Soloplatte betrieb. So spielte sie die Gitarre in der Begleitband von Olli Schulz, komponierte mit „Get well soon“ den Soundtrack für die TV-Talkshow „Schulz und Böhmermann“ und trat 2016 in dem Duo Keøma beim ESC-Vorentscheid an.

Darum war ihr auch die Tätigkeit bei Keøma so wichtig, schließlich war sie die Songs nicht nur als Komponistin beteiligt, sondern hat sie auch aufgenommen und produziert; sie hat mit Synthesizern gearbeitet und mit der Ableton Software, mit der Techno-DJs ihre Tracks produzieren; die Kat Frankie von heute ist so autonom, wie eine Musikerin überhaupt sein kann; jeden Schritt des künstlerischen Prozesses beherrscht sie lässig und virtuos.

 

Diese neue Platte ist für mich eine Platte der Freude, ich wollte ein bisschen obnoxious sein …

 

dafür gibt es irgendwie kein gutes deutsches Wort…“ Vielleicht könnte man sagen:

Sie hat getan was sie tun wollte, ohne Rücksicht auf irgendwelche Erwartungen. Und man freut sich an jeder Stelle darüber und kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus: Huch, was ist denn das für ein Rhythmus? Wo kommt dieses irre Power Riff her?

„Bad Behaviour“ ist nämlich nicht nur kunstvoll, sondern auch höchst intim:

So nah wie in diesen neuen Liedern sind wir der Künstlerin noch nie gekommen; es geht um die Liebe und um das Leiden an ihr, vor allem aber um die Freude am Lieben. Und nicht zuletzt geht es um Sex:

„Ich hab noch nie ein Album gemacht, dass so voller Sex war wie dieses“, sagt Kat Frankie.

 

In einem Interview veriet Sie uns noch:

 

Kat Frankie, du bist 2004 von Sydney nach Berlin gezogen, weil Chicks On Speed in einem Interview gesagt hatten, die deutsche Hauptstadt wäre der beste Ort, um Musik zu machen. Wie sieht es heute aus, willst du selbst jetzt auch junge Kolleginnen nach Berlin locken?

Kat Frankie: Verglichen mit der Situation in Australien ist es in Berlin auf jeden Fall besser: Es gibt jede Menge Studios, und man trifft viele Musiker. Andererseits ist es mittlerweile aber auch ein bisschen zu bequem hier. Die Industrie hat sich sehr breit gemacht, und ich frage mich, was aus all den innovativen Künstlern geworden ist. In der Elektroszene mag es noch ein bisschen anders sein, aber ansonsten trifft man fast nur noch auf Majorlabelstrukturen und Kids von der Popakademie. Österreich hat momentan mehr Innovationen zu bieten als Deutschland.

Du selbst hast ja aber noch eine spannende und sehr prägende Zeit miterlebt ?

Kat Frankie: Wirklich aufregend war Berlin in den 80ern und vor allem in den 90ern. Aber es stimmt schon, ich habe noch die Reste dieser Anarchie und Freiheit mitbekommen – nur wurde das kreative Chaos eben sehr schnell beseitigt. Aber als ich nach Berlin gekommen bin, war ich zunächst ja auch noch keine Vollzeitmusikerin. Zwar habe ich schon immer Songs geschrieben, trotzdem habe ich eigentlich für eine Architekturfirma gearbeitet.