Interview mit Singer-Songwriterin LEA

Die Dietrich traf Lea im Dezember bei der 1 Live Krone in Bochum

 

Die Dietrich / Anuschka Wienerl – 09.Dezember 2018

Mit ihren Songs „Wohin willst du“ und „Leiser“ gelang LEA im letzten Jahr der Durchbruch.
LEA. „Beim Songschreiben packe ich mein Herz aus“. Ihr erster Song „Wo ist die Liebe hin?“ hat 2,7 Millionen Klicks bei YouTube erreicht.

In „Immer wenn wir uns sehn“ geht es um Sehnsucht. Wie schwer fällt es Dir, über Gefühle zu singen?
LEA: Es fällt mir nicht schwer, weil es am ehrlichsten ist. Ich singe darüber, wie es mir geht. Dadurch macht man sich natürlich verletzlich, aber es überwiegt das Gefühl, dass andere Menschen durch die Lieder stärker werden.

Deine Musik dreht sich fast immer melancholisch und nachdenklich um die Themen Liebe und Einsamkeit – von dem Piano-Pop am Anfang bis zum Indie-Elektro-Pop auf dem Album „Vakuum“. Wie hat sich dein Stil entwickelt und kann LEA auf dem neuen Album auch mal anders?

LEA: Früher war es immer ein krasser innerer Monolog. Ich habe mir viele Fragen gestellt, die unbeantwortet bleiben und die ich dann in Songs verpackt habe. Über die Jahre habe ich aber gelernt, auch besser zu den Menschen zu sprechen. Ich werde offener im Songwriting und beziehe andere Menschen und ihre Gedanken und Fragen mit hinein. Mit „Leiser“ habe ich jetzt für mich den Entschluss gefasst, auch mehr Tanzbares zu machen. Darauf habe ich total Lust. „Leiser“ ist zwar sehr tiefgründig, hat aber auch eine Leichtigkeit, die ausgleichend wirkt. Diese Mischung gefällt mir. Allerdings werden meine Songs auf jeden Fall eher traurig und tiefgründig bleiben. Denn ich schreibe meistens, wenn es mir nicht gut geht, wenn ich zum Beispiel Liebeskummer habe. Ich schreibe nicht, wenn alles super ist.

Kann Musik die Welt verändern?
LEA: Musik verbindet alle Menschen, deswegen kann Musik die Welt verändern. Aber das Denken in den Köpfen muss auf andere Art verändert werden. Das Besondere an Musik ist, dass sie gefühlt werden kann – egal, welche Herkunft, Religion oder politische Ansicht jemand hat. Sie hat eine Botschaft, auch meine Songs haben eine.

Aber keine politische.
LEA: Politisch im krassen Sinne nicht, aber es geht auch darum, dass man aufeinander achten und sensibel sein sollte.

Bei deinem Beruf gehört es dazu, dass dich Menschen bewerten – deine Musik und dich selbst auf der Bühne.
LEA: Ich habe es mir gar nicht bewusst ausgesucht. Ich habe Lieder geschrieben, ohne darüber nachzudenken, ob ich damit in den Charts landen werde. Es waren viele kleine Momente, die dahin führten. Zufälle. Und nun gehören solche Seiten dazu. Viele Menschen wissen nicht, wie viel Bewertung man sich ständig aussetzt, auch wenn man nur Kommentare auf Instagram liest.

Bei „Leiser“ geht es darum, dass jemand seine innere Stimme nicht hört. Fällt es Dir schwer, Dich selbst zu hören?
LEA: Nein, tatsächlich würde ich sagen, bin ich relativ klar mit mir. Ich bin nicht der Typ, der nachts betrunken den Ex-Freund anruft. Wobei das okay wäre, wenn es sich gut anfühlt. Ich merke, was mir gut tut und was nicht – und lasse das dann.

Du schreibst ja von Anfang an alle deine Lieder selbst. Kannst du dir vorstellen, auch mal andere für dich schreiben zu lassen?
LEA: Vor ein, zwei Jahren hätte ich das strikt abgelehnt. Da war es auch noch wichtig, dass ich erst mal meine eigene Linie finde. Aber jetzt finde ich es gar nicht schlimm, wenn man mit anderen zusammenschreibt oder einen Song von jemand anderen interpretiert – solange es ein Song ist, der gut zu einem passt, den man selbst fühlt. Ich glaube, es geht darum, dass man das tragen kann, was man singt. Das Publikum merkt es, wenn es nicht so ist.

Deine Texte sind sehr persönlich. Wen willst du damit erreichen?
LEA: Ich spreche mit meinen Texten sehr, sehr viel zu mir selbst. Das ganze Album ist wie ein Monolog. Ich versuche allerdings so ehrlich mit mir selbst zu sein, dass auch andere Menschen ihre eigenen Geschichten in meinen Songtexten wiederfinden. Ich finde es sehr schön, wenn ich meine Gedanken mit anderen Menschen teilen kann.

Nach dem ersten Hit auf YouTube wurde dir von Fans geraten, bei einer Castingshow mitzumachen.
LEA: Das wollte ich nie. Ich mag es nicht, dass vier Leute da über mich urteilen. Musik kann man nicht durch eine Jury beurteilen. Das finde ich sehr schwierig. Ich wollte das für mich machen und in meiner Welt bleiben. Das hat sich anfangs bei mir ja alles nur auf dem YouTube-Channel abgespielt, was nichts mit meiner Realität zu tun hatte. Es hatte sich damals nichts verändert in meinem Leben. Ich hatte mich eingeloggt, den Song hochgeladen und als ich mich ausgeloggt hatte, war ich komplett raus aus dieser Welt.

Bei welcher Musik musst Du umschalten?
LEA: Ganz klar Schlager. Damit kann ich gar nichts anfangen. Ich habe schon meine Lieblingssongs und -musiker, wie zum Beispiel zurzeit Clueso oder Ed Sheeran. Auch wenn man die Nummern vielleicht irgendwann dann über hat.

Hast du denn musikalische Vorbilder, die dich geprägt haben?
LEA: Ich habe nie versucht mich an anderen zu orientieren, weswegen ich auch keine Songs gecovert habe. Es war mir ganz wichtig, meine eigene Sprache zu entdecken. Das ist auch ein Prozess, der ewig anhalten wird, deswegen wollte ich nicht bei anderen Künstlern „suchen“.

Wo siehst du dich in Zukunft?
LEA: Ich weiß, dass ich immer Musik machen werde. Ich hoffe, ich kann diesen Weg noch viele Jahre gehen. Egal wie groß die Nachfrage sein wird, Musik wird immer ein Teil von mir sein.

Vielen Dank für das Interview
LEA: Danke auch, vielleicht sehen wir uns im nächsten Jahr mal öfter in Berlin.

Das Interview führte Anuschka Wienerl

Über LEA
Lea heißt bürgerlich Lea Marie Becker (25) und stammt aus Kassel. Die Tochter eines Musiktherapeuten machte ihr Abitur an der Jacob-Grimm-Schule in Kassel und wurde als 16-Jährige schlagartig durch ihre durch Mitschüler ins Internet gestellte Pianoballade „Wo ist die Liebe hin“ bekannt. Nach der Schulzeit ging Lea für ein halbes Jahr nach Argentinien und studierte Sonderpädagogik in Hannover. 2016 erschien ihr Debütalbum „Vakuum“. Lea war Backgroundsängerin bei Mark Forster, stand mit Glasperlenspiel und Seven auf der Bühne. Ihr Song „Leiser“ wurde zum Radiohit und „Wohin willst du“ kam in Zusammenarbeit mit dem DJ-Duo Gestört aber Geil auf Rang 11 der Charts. 2018 nahm sie mit dem Schauspieler Aaron Hilmer (Cyrill) das Lied „Immer wenn wir uns sehen“ für den Film „Das schönste Mädchen der Welt“ auf. Seit vier Monaten lebt sie in Berlin.