INTERVIEW MIT MARIO TESTINO Fashion & Photography

Die Dietrich Lotta Pillotta – 01.10.2018/Berlin

 

Mario Testino gehört zu einer der gefragtesten Fotografen der Welt.

Die Dietrich traf den Fashion & Star-Fotografen zum Interview bei einem kurzen Besuch in Berlin.

MARIO TESTINO gilt als einer der einflussreichsten Mode- und Porträtfotografen der Welt. In Peru geboren, hat er sich in den 50er Jahren in London als Lehrling ein Bild gemacht, bevor er eine 35-jährige Karriere begann, in der er unter anderem 180 Covers für die US-, die UK- und die Pariser Vogue gedreht hat. Er arbeitete auch an unzähligen Kampagnen für Marken wie Chanel, Gucci und Burberry, ließ seine Arbeiten in mehr als 20 Büchern veröffentlichen und war ein wiederkehrender offizieller Fotograf für die britische Königsfamilie.

INTERVIEW START

Gibt es ein Geheimniss für eine Modelkarriere?
Das Geheimnis einer langen Modelkarriere ist Persönlichkeit. Warum sind Gisele Bündchen oder Kate Moss wohl, wo sie sind? Weil die Leute mit ihnen Zeit verbringen wollen. Unabhängig von ihrer Schönheit. Schönheit findet man überall. Es gibt so viele gut aussehende Mädchen. Wenn man sich mit denen langweilt, will man sie nicht noch einmal buchen.

Sind deswegen gerade alle so verrückt nach Cara Delevingne?
Als ich Cara das erste Mal fotografierte, war sie ein kleines Mädchen. Heute ist sie überall. Für mich ist sie die neue Kate. Die zwei sind sich sehr ähnlich. Klein, lustig, sprudelnd. Nonstop Energie. Ich habe die beiden zusammen für das neue Burberry-Parfum fotografiert. Sie sind Wahnsinn – double trouble. Ich dachte irgendwann wirklich: Haltet doch mal die Klappe! (lacht)

Ist Quatsch machen vor der Kamera jetzt cool?
Sie meinen die Generation funny face? Miley Cyrus zieht ja auch immer solche Grimassen wie Cara. Aber ist es nicht das, was Helden oder Ikonen ausmacht? Dass es ihnen egal ist, was anderen eben nicht egal ist? Dass sie sich trauen, was sich sonst keiner traut? Es ist so schön, sich keine Gedanken zu machen, oder? Und es ist schwierig. Gehen Sie mal auf eine Party und sagen Sie sich, ja, ich sehe großartig aus – obwohl da ein Pickel ist und die Haare schrecklich sind.

Was gefällt Ihnen an blonden Frauen?
Mario Testino: Ich bin Südamerikaner. Das optische Gegenteil zieht mich an.

Ich habe einmal Cocktailservietten geschenkt bekommen mit dem Aufdruck: „Speak slowly, I’m natural blond.“
Nun, (er lacht) es geht nicht um Blondsein, sondern Blond als Haltung. Und die besagt: Ich mache, was ich will. Das gefällt mir. Wir sind so konditioniert in unserem Leben, so geprägt von Entscheidungen, die schon Generationen vor uns gefällt haben. Sich befreien zu können, dafür steht für mich Blond.

Sie waren ja auch mal blond …
Ja, für eine Party habe ich mir die Haare gefärbt und wurde sehr beachtet. Ich überlegte, es eine Weile so zu lassen. Aber nicht für immer. Denn was mir noch wichtiger wäre als auszubrechen, sind Wurzeln, ich liebe meine. Mich beunruhigt die heutige Fixierung auf sozialen Status. Ich kenne Peruaner, die sprechen lieber Englisch als Spanisch, geben vor, dass sie niemals arm waren. Ich versteh das nicht, ist es doch Teil ihrer Identität. Deswegen betone ich immer besonders, dass ich Peruaner bin, arm war, Kellner war. Deine Herkunft macht dich doch aus.

Dein Woher ist dein Wohin?
Genau!

Blond ist eben nicht gleich Blond. Wie finden Sie das schwedische?
Dekadent!
Als ich damals nach London kam, gab es viele schwedische Au-pairs. Die hielten sich für besonders frei und meinten, sie könnten mit jedem Sex haben. Wir haben eben alle unterschiedliche Assoziationen. Wahrnehmung ist tricky. Ein Thema, das mich wegen seiner Subjektivität viel beschäftigt.

Warum sollten wir – Brünetten zum Beispiel – glauben, dass Blondinen eine bessere Zeit haben?
Cara Delevingne sagt, sie liebe es, dass die Leute sie für dumm halten … Blond hat viel mit Licht zu tun, die Sonne ist quasi eine Blondine, und ich bewege mich ja gern auf der Sonnenseite, auch von Menschen und Dingen. Bei einer Ausstellung von Annie Leibovitz in Los Angeles habe ich neulich ein Foto von ihr und mir auf Instagram gestellt, da war was los! Fassungslosigkeit bei einigen Leuten, wieso wir uns zusammen auf einem Foto zeigten. Wieso nicht? Wie gesagt, Wahrnehmung ist tricky. Dabei haben wir schon ganz unterschiedliche Stile. Annie mag die dunklere Seite der Menschen darstellen, es aussehen lassen, als ziehe gerade ein Sturm auf. Ich will genau das Gegenteil, sie so schön wie möglich wirken lassen. So stark wie möglich. In unserer Zeit wird das Drama mehr geschätzt als die Komödie. Dabei ist die viel schwerer zu inszenieren. Ich will das Positive in den Mittelpunkt stellen, bin überzeugt, dass man Schönheit interessant machen kann. Prinzessin Diana, zum Beispiel, wollte ich nicht den Erwartungen entsprechend mit königlichen Insignien fotografieren, sondern vielmehr so, als wäre sie eine Freundin, die neben mir sitzt und wir lachen miteinander. Denn ich sehe das Leben als Bumerang. Wie du in den Wald hineinrufst, schallt es …

… Sex heraus?
Stimmt, sind wieder viele Nacktaufnahmen in der „Vogue“ geworden. Aber es geht gar nicht um den Sex-sells-Kram. Früher wurde Nacktheit ständig mit Verführung gleichgesetzt. Ich sehe das heute anders, sie gehört den Frauen selbst, nicht den Voyeuren. Nacktheit ist ein Ausdruck von weiblichem Selbstvertrauen, nach dem Motto: Ich mache, was ich will. Nein, meine Nacktaufnahmen sind kein Angebot. Ich bin einfach nur besessen von Schönheit.

Was ist das genau?
Wenn Form und Silhouette eine Allianz eingehen. Maße und Ausgewogenheit, das ist Schönheit. Wissen Sie, ich wollte früher gern Engländer sein, aber ich bin Südamerikaner und kann das auch nicht ablegen. Es war Carine Roitfeld, die mich, als wir uns vor Jahren in Paris kennenlernten, ermunterte, diese Ästhetik beizubehalten. Unsere Gedanken waren nicht frei, aber wir sind quasi nackt aufgewachsen. Selbst in der Bank standen Frauen Schlange in winzigsten Bikinis.

Coverstar Miley Cyrus hat im vergangenen Jahr vermeintlich obszöne Sexposen ganz bewusst eingesetzt, um sich von ihrem Liebmädchen-Image als Hannah-Montana-Kinderstar zu emanzipieren und als Sängerin durchzustarten.

Auf Ihrem Cover ist sie nun eine Art moderne Marilyn Monroe. Warum sie?

Ich habe sie gewählt, weil sie fantastisch singen kann. Und ich hatte sie bereits für das „W“-Magazin fotografiert und war beeindruckt von ihrer Stimme, ihrer Persönlichkeit, ihrer Integrität. Sie ist eine coole Person, die versucht, sich von dem alten Bild zu lösen, das ebenfalls bewusst von ihr gezeichnet worden war, aber nun nicht mehr zu ihr passt. Ich schrieb ihr eine SMS und fragte, ob ich sie für die deutsche „Vogue“ fotografieren könnte.

Es gab keinen echten Grund für sie, es zu tun, aber sie tat es schon aus Loyalität, weil ich ihr mit „W“ ein neues Gesicht gegeben hatte. Die Chefredakteurin Christiane Arp war zunächst unsicher, ob sie die Richtige für das Cover sei, aber dann rief sie an und erzählte, dass sie mit ihren Mitarbeitern über die Zweifel gesprochen habe und die nur abgewinkt hätten. Das mag ich sehr an Christiane, sie ist so angenehm unprätentiös und großzügig.

Sie mögen auch Berlin, richtig?
Ich mag Deutschland überhaupt gern. Aber man muss dort leben, wo das Geschäft ist. Deswegen bedaure ich auch, dass ich selten einen Grund bekomme, mehr Zeit in Deutschland zu verbringen. Aber ich sammle seit etwa 20 Jahren Kunst, deswegen komme ich öfter nach Berlin. Ich bin kein Erbe, habe keine Millionen, aber ich habe die Illusion eines Erben, sich alles leisten zu können. Ich suche daher nach jungen Künstlern. Anfangs dachte ich, oh, 1000 Euro, das ist so viel Geld für ein Bild. Irgendwann ist man dann so weit und überlegt, also, 100.000 Euro, das ist ja gar nicht teuer. Und dann dachte ich: Hallo, bin ich verrückt? Aber der Geschmack wird ja immer anspruchsvoller, je mehr man sich ansieht. Zum Glück habe ich mich schon sehr früh etwa für Jonathan Meese und Anselm Reyle interessiert.

Die Dietrich bedankt sich für das Interview ..  Es war Fatastisch

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