Interview: Mieze von MIA.

Magazin DIE DIETRICH/Anuschka Wienerl – 12.10.2015

Die Dietrich traf die Sängerin Mietze und Band Kollegen in Ihrem Berliner Bandraum

Ihre Lieder „Hungriges Herz“ und „Tanz der Moleküle“ haben sich fest in unserem musikalischen Gedächntnis verankert, wie auch die Leadsängerin Mieze und deren avantgardistischen Outfits.

Die Berliner Band MiA. macht seit über 18 Jahren Musik und gehört seither zu den erfolgreichsten Bands der deutschen Popmusik. Ein paar Wochen nach Veröffentlichung der neuen und sechsten Platte Biste Mode trafen wir Mieze für ein Interview über den Dächern von Berlin.

Euer neues Album heißt Biste Mode. Das ist ein Berliner Ausdruck, den ich bis dato gar nicht kannte.
Mieze: Hast du dahinter ein Ausrufezeichen oder ein Fragezeichen gehört?

Ein Fragezeichen…
Wir haben uns genau diesen Spagat gewünscht. Einmal die Altberliner Bedeutung für „Biste Mode“, was heißt, jemanden kritisch im Fokus zu haben. Wenn du bei jemandem „Mode“ bist, dann guckt dieser jemand ganz genau was du tust. Die andere Bedeutung meint, „Bist du Mode? Setzt du Trends oder folgst du den Trends?“. Es sind Fragen, die man sich als Band und als junger Mensch überhaupt immer wieder stellen muss. Ich finde es viel wichtiger, sich treu zu bleiben, die eigene Mode zu entdecken, zu kultivieren, sich alles zu erlauben und eben nicht zu begrenzen.

Das macht auch Mieze aus. Du hast einen eigenen, ganz persönlichen Look.
Das finde ich gut. Ich hoffe darüber steht „Express Yourself“. Das ist das wofür ich stehe und wofür MiA. steht. Ich bin der Meinung, dass es keine Modesünden gibt. Das Leben ist zu kurz, um sich nach anderen Menschen zu richten. Gerade auch im Bezug auf Mode. Das Geile ist, dass meine Eltern mich immer so haben gehen lassen, wie ich es wollte.

Auf dem neuen Album berlinerst du auf einem Song. Zum allerersten Mal. Ist das eine Liebeserklärung an deine Heimatstadt?
Mir ist gar nicht aufgefallen, dass ich nach 18 Jahren zum allerersten Mal berlinert habe. Ehrlich gesagt, war es am Anfang auch ein Hindernis für das Lied. Viele Leute, wie zum Beispiel das Management, haben gesagt: „Berlinern geht nicht“. Zum Glück gab es aber schon ein Lied wie „Nordisch By Nature“. Damals hat man sich als Berliner ja auch nicht angegriffen gefühlt, nur weil sich die Hamburger gefeiert haben. Das war mein Totschlagargument. Meine Jungs sind der Meinung, je entspannter ich bin, desto mehr berlinere ich. Wer auf unseren Konzerten war, weiß, dass ich irgendwann in einem Berliner-Slang verfalle. Das kommt aus dem Bauch heraus. Es ist nichts, was ich beeinflussen kann. Bei dem Song „Biste Mode“ war es so, dass ich die Zeile „Machste mit, biste Mode, Lässt es bleiben, hast ’n Schuss, doch zu mir kannste immer wieder kommen“ irgendwann mal auf mein Telefon gesungen habe, auch aus dem Bauch heraus. Dann hat alles Funke für Funke angefangen. Zunächst habe ich meinen Gitarristen Andy verzaubert und dann hat der unseren Schlagzeuger Gunner verzaubert. So hat sich dieses Lied durchgebissen. Es ist eines meiner Lieblingslieder.

Auf eurem Album gibt es 15 Songs. Waren von Anfang an so viele Lieder geplant?
Wir hatten die Idee, dass alle Lieder das Tempo 128 haben und dass man die CD durchspielen kann, wie ein DJ Set. Auf der Reise haben wir dann festgestellt, dass es eine schöne Idee ist, aber die Musik da gar nicht mitmacht. Lieder wie „Lauffeuer“ oder „Biste Mode“ hätten es mit diesem Dogma gar nicht gegeben. Sie entziehen sich dieser Regel komplett. Es war erst sehr schmerzhaft zu merken, dass es nicht so läuft, wie man denkt. Es ist aber auch eine schöne Überprüfung sämtlicher Arbeitsbeziehungen. Wer hält zu einem und wer nicht. Das ist gesund und bestärkt bestehende Beziehungen. Wir haben uns durchgebissen und Musik gemacht, nach keinen Regeln, sondern so, wie die Musik es wollte. Das war ein schönes Gefühl, so als ob sich die Musik freigestrampelt hat.

Du sagtest bereits, dass „Biste Mode“ eines deiner Lieblingslieder ist. Ich bin bei „Sekunde“ hängen geblieben.
Geil (grinst). Das freut mich total.

Das Thema Zeit ist etwas, womit ich mich persönlich sehr viel beschäftige. Denkst du über Zeit anders als vor 15 Jahren?
Absolut. Je älter man wird, desto besser begreift man Zusammenhänge, Zyklen und Abhängigkeiten. So wie es mir geht, geht es wahrscheinlich jedem von uns. Zeit ist kostbar und wird immer kostbarer. Manchmal, wenn man einen Tag so durchhechelt und denkt „Gott sei Dank ist dieser Tag vorbei“, habe ich ein richtig schlechtes Gewissen. Im selben Moment denke ich schon wie bescheuert das ist. Alles hat seine Zeit. Genau darum geht es in „Sekunde“. Ein bisschen kann man an der Zeit, die man mit jemandem verbringt, abmessen, wie viel dir dieser jemand bedeutet. Gerade bei langjährigen Freundschaften.

Ich habe sehr viele langjährige Freundschaften.
Bei mir ist es auch so. 15 Jahre Freundschaft muss man erst mal mit jemandem schaffen. Diesen Schatz begreife ich auch im Bezug auf MiA. Wir sind seit 18 Jahren zusammen. Wir haben uns einfach lieb und es macht Spaß, mit diesen Jungs Zeit zu verbringen und zu arbeiten. Ich gehe gerne zur Arbeit.

Wie ist die Dynamik zwischen euch? Hat sich im Laufe dieser 18 Jahre etwas verändert?
Wir sind ähnlich loyal, familiär und neugierig. Was unterschiedlich ist, sind die Macken. Es ist gut, dass wir alle ein bisschen andere Macken haben. Über die 18 Jahre haben wir die Besonderheiten eines jeden Einzelnen extrem gut auf dem Schirm. Meine Waffe ist Humor. Mich kann kaum etwas aufregen. Am besten kenne ich die Macken von unserem Schlagzeuger Gunnar. Wenn er geht, lässt er zum Beispiel immer die Türen auf. Und wenn du mit Gunnar spazieren gehst und du vor einem Schaufenster stehen bleibst, geht Gunnar wortlos weiter. Das sind Dinge, die ich lieb gewonnen habe. MiA. ist ein Ausdruck von Freiheit, in der Musik, in der Art-Work und in der Klamotte. Ich denke man spürt, wie wertvoll es uns ist, Musik machen zu dürfen. Das hört man der Platte an.

Die Platte klingt sehr selbstbewusst.
Ich finde, dass die Energie, die wir reingesteckt haben und die Phase des Durchbeißens, als ganze Kraft wieder herauskommt. Wenn ich die Platte höre, denke ich, heute packe ich es an und möchte nichts verschieben. Daher ist „Lauffeuer“ eine tolle Quintessenz aus der Platte.

Was bedeutet kreativer Druck für dich?
Ich bin perfektionistisch und habe wahrscheinlich genau so ein Problem mit Druck, wie jeder andere. Kreativer Druck ist echt der Wahnsinn. Bei uns gibt es viele Erwartungshaltungen. Umso mehr ist man dazu gezwungen, die eigene Stimme wahrzunehmen und diese ernst zu nehmen. Das hat dazu geführt, dass wir vier uns gefragt haben: Was wünschen wir uns von der Platte? Was wünschen wir uns von MiA.? Was wünschen wir uns von unserem Leben? Das ist ja unser Leben. Dieses Verlieren und Finden steckt alles in der Platte.

Wenn man sich mit Leuten über MiA. unterhält, hat jeder eine Meinung zu euch.
Ich mag vor allem die Leute, die ganz skeptisch sind und nur mit zum Konzert gehen, weil die Freundin oder der Freund uns mag oder weil alle hingehen. Dann stehen sie da und tun mir leid. Ich weiß genau wie das ist, wenn man mitgeschleppt wird. Diese Menschen überzeuge ich irgendwie am liebsten. Ich liebe mitzuerleben und den Moment mitzugestalten, in dem sie locker lassen und glücklich werden. Das hat sicherlich etwas mit den verschiedenen Stilen von MiA. zu tun. Wir sind eben nicht wie REM, dessen Platten man in Ketten hören kann und die auch noch ziemlich gut den Erwartungen gerecht werden. Unsere Konstante ist die Abwechslung. Als wir vor 18 Jahren angefangen haben, deutsche Popmusik zu machen, wurde das sehr belächelt. Für deutsche Musik gibt es keinen Markt, hieß es. Und wenn man jetzt hier in der Plattenfirma sitzt, ist es schön zu sehen, wie sehr deutschsprachige Musik gewachsen ist. Ich finde es toll so viele Mitstreiter zu haben.

Was sind denn eure Favoriten an deutschsprachigen Künstlern?
Die Jungs lieben ja Bilderbuch und die Orsons.

Wie sieht es bei dir mit dem Feiern aus? Bist du viel unterwegs oder macht dich die Berliner Feierkultur müde?
Wenn ich nicht feiern will, dann muss ich nicht. Das ist auch schön an Berlin. Aber wenn man will, dann kann man, jederzeit und überall. Wie du im Video zu „Biste Mode“ vielleicht gesehen hast, haben wir in einer Berliner Bar gedreht. Das war in der Bravo Bar. Ich empfehle dir diese Bar. Diesen Ort hatte im Kopf als ich das Lied geschrieben habe. Das alte Berlin kommt aus der Kneipenszene. Ich mag es manchmal eher urig, als abgehoben und vornehm. Ich liebe Bars wie die Bravo Bar oder Walther Bar. Ganz urig, wo man noch angeschnottert wird, wenn man eine Apfelschorle bestellen möchte (lacht). Das finde ich total geil. Sicherlich werden wir von Berlin beeinflusst. Die elektronische Szene und Indie-Rock sind ganz wichtige Einflüsse. Ich finde es toll, wenn sich die Szenen vermischen.

Deinen Freund hast du auch vor einer Bar kennengelernt…
Meinen Mann habe ich tatsächlich vor einer Bar kennengelernt. Es geht! Es ist möglich in Berlin! Es war morgens um etwa halb sieben. Wir waren die einzigen beiden Nüchternen. Wir hatten viel zu lachen. Humor verbindet uns sehr.

Viele jammern über Berlin und sagen, man fände hier nicht den richtigen Partner…
Das kann ich von meinem Freundeskreis nicht bestätigen. Es gibt viele glückliche Pärchen. Ganz ehrlich, suchen muss man doch überall. Hier gibt es wenigstens noch interessante Charaktere und Geschichten. Wobei ich auch mal rumgejammert habe (Lacht). Aber das ist doch mit allem so, oder? Hätte mir jemand gesagt, du verliebst dich in einer Bar oder überhaupt in diesem Kontext, hätte ich gesagt „So ein Quatsch!“. Und jetzt ist es so und ich finde es gut. Das bringt Berlin eben auch mit sich.

 

11026584_1646209362293660_5087624866372153747_o 11055375_1646209318960331_8022023667697725113_o

12021950_10200944156602183_253496791_n 12191621_10201050017048628_3215991098493912183_n   

03