Interview FASHION PHOTOGRAPH
Franco Tettamanti

Die Dietrich – 25.April 2018

 

Franco Tettamanti ist ein mehrfach ausgezeichneter Mode- und Porträtfotograf mit Sitz in Paris. Vor dieser Karriere promovierte er und arbeitete als Assistenzarzt in der orthopädischen Chirurgie in seiner Schweizer Heimat. Tettamanti hat Fotografie und Regie in New York, Paris und Zürich studiert; heute lebt er als etablierter Haute Couture-Fotograf in Paris. Bekannt ist er neben seiner Arbeit für Kunden wie Dior, Louis Vuitton, Akris, Vivienne Westwood, Universal Music, Madame Figaro oder Prestige Magazine Hong Kong für seinen grossartigen Blick hinter die Kulissen der Branche. Diese stimmungsvollen Bilder “mit aufgewecktem, intelligentem Blick” (Wolfgang Joop), veröffentlichte Tettamanti in dem Buch “Showtime”.

Warum haben Sie sich für ein Medizinstudium entschieden und nicht für eine Ausbildung als Fotograf?
Franco Tettamanti: Seit ich mich erinnern kann, wollte ich Arzt werden und an diesem Wunsch hat sich auch bis zur Immatrikulation nichts geändert. Die Fotografie faszinierte mich seit dem Teenagealter, spielte aber in meiner beruflichen Vorstellung lange Zeit keine Rolle. Erst Mitte des Studiums begann sich meine Perspektive zu ändern und mit der Promotion zum Doktor gab ich schlussendlich dem freiberuflichen Künstlerleben den Vorzug.

Medizin und Mode, was haben die zwei Bereiche gemeinsam, was unterscheidet sie?

Zwischen den Fachgebieten gibt es grosse Differenzen. Vergleicht man aber beispielsweise die Chirurgie mit der Modefotografie, so findet man ausgeprägte Hierarchien, narzisstische Persönlichkeiten, Kreativität und grosse Vertrautheit, auch wenn man sich nicht kennt. Da wo die Medizin manchen erst das Leben ermöglicht, gibt die Kunst anderen einen Lebensinhalt.

Die Fotografie ist natürlich keine Wissenschaft, sie ist sehr subjektiv und es bedarf keinem Diplom, um sie zu praktizieren. Und ganz unterschiedlich ist gewiss ein Tages- oder Wochenablauf zwischen den zwei Berufen – die, um noch einmal auf eine Gemeinsamkeit zu sprechen zu kommen – im besten Fall als eine Berufung verstanden werden kann.

Sie bewegen sich in der Modeszene, machen aber eher Portraits als Modefotos. Reizt Sie die Modefotografie?

Ja sehr, wobei ich finde, dass 90% der Modefotografien reine Porträtfotografie und ein Grossteil davon leider fürchterlich umgesetzt ist. Modefotografie ist sehr komplex und bedeutet eine intensive Zusammenarbeit zwischen verschiedenen «Künstlern», d.h. Model, Haar- und Make-Up-Artisten, Modestylisten usw.

Der Modefotografie liegt ein kommerzieller Gedanke zu Grunde. Um diesen immer wieder verständlich und zeitgemäss umzusetzen, sollte neben dem Zeitgeist vor allem auch das menschliche Bedürfnis nicht ausser Acht gelassen werden.  Ein Bild, das keine emotionale Verbindung aufzubauen vermag, ist wertlos. Menschen verlieben sich nicht nur in Dinge, die sie begehren, sondern auch in Dinge, mit denen sie sich identifizieren.

Was ist für Sie ein gutes Portrait?
Ein Bild, das mich berührt. Meistens geschieht dies durch die Leidenschaft, den Blick, den Ausdruck. Es kann aber auch der gewisse Moment in einer Situation oder der formale Aspekt sein, der mich zu einem Bild hinzieht.

Wen hätten Sie gerne vor der Kamera?
Ich würde gerne Jennifer Connelly in der Villa von George Clooney am Comer See fotografieren. Oder Dustin Hofman und Kate Moss weinend. Oder aktuell aus der Modeszene das Model Sasha Luss.

Lassen Sie sich selber gerne fotografieren?
Es geht besser, seit ich meine eigenen Ratschläge befolge.
Was ist der Trick?
Ganz einfach: Nichts machen! Je weniger, desto besser. Nicht reden, Mund zu und an etwas Schönes denken.

Kann man von jeder Person ein gutes Bild machen?

Grundsätzlich Ja. Portraitfotografie ist aber genauso eine visuelle Charakterisierung einer Person wie es eine Dokumentation der Begegnung zwischen dem Subjekt und mir ist. Man ist auf der Suche nach etwas, das man aber je nach Umständen nicht immer findet. Es stellt sich dabei auch die Frage, was denn «gut» überhaupt bedeutet.  Ein gutes Bild oder Portrait muss nicht notwendiger Weise das «Wahre Ich» zeigen.

Vertrauen und Zutrauen erleichtern meine Arbeit, aber manche Menschen können sich in einer gewissen Unbehaglichkeit besser ausdrücken, als wenn sie ganz entspannt sind. Etwas Geheimnisvolles schadet dem Bild nicht. Man darf den Menschen vor der Kamera nicht entblössen, sondern man muss ihm Schutz bieten. Ganz nach dem Motto «Gib jemandem eine Maske und er wird Dir die Wahrheit erzählen».

Sind Frauen schwieriger zu fotografieren als Männer?
Nein.

Die Dietrich Dank für das Interview

www.francotettamanti.com