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„Influencer“ Popkultur & Gefolgschaft

Inspiration und Beeinflussung im Blogger-Einerlei

MAGAZIN DIE DIETRICH-  19.JANUAR 2017

von Julia Hackober

Ein bisschen ernst gemeinte Überzeugungsarbeit schulden die neuen Stars der Popkultur ihrer Gefolgschaft durchaus. Auch, wenn das schwierig ist in einem Kosmos, in dem nur schön oder hässlich, das schnelle like oder dislike zählen. Doch immerhin machen erst die Millionen und Abermillionen Fans junge Leute, die ihre Outfits und Reiseerlebnisse posten, zu „Fashion Powerhouses“ oder „Digital Entrepreneurs“.
Sich selbst als „Influencer“ zu bezeichnen, zeugt daher von einer Achtlosigkeit gegenüber der eigenen Zielgruppe, deren Konsumverhalten das einzig relevante Feedback darstellt. Als dritte Partei von „Influencern“ zu sprechen, heißt, dieses Gefälle zwischen Meinungsmachern und Restmasse zu akzeptieren  und der ganzen Chose womöglich noch mit der gleichen Ehrfurcht zu begegnen, mit der viele Marken um „Influencer“ buhlen.

Inspiration und Beeinflussung unterscheiden sich deutlich
Sich den Unterschied gewahr zu machen und gegebenenfalls zu kommunizieren, ist eben beinah so mühsam, wie sich früher im Lateinunterricht zu merken, dass das Verb „persuadere“ zwei verschiedene Dinge bedeuten kann: nämlich „überzeugen“ und „überreden“. Seit der antiken Rhetorik gibt es einen erheblichen Unterschied in den Konnotationen, wenn es um die Taktiken geht, mit denen Menschen zur Annahme einer bestimmten Meinung bewegt werden sollen. Überzeugen ist gut. Überreden, Menschen dazu kriegen, etwas zu tun, was sie eigentlich nicht wollen, nicht so.

Und dieser Unterschied gilt auch heute noch: In einer Gesellschaft, deren Mitglieder stolz auf ihre individuelle Lebensgestaltung sind, zum Beispiel darauf, dass sie ein Jahresendfest und nicht Weihnachten und Silvester feiern, will man doch eigentlich nicht „influenced“ oder überredet werden – sondern inspiriert und überzeugt. Man will Entscheidungen selbstständig und mündig treffen. Auch, wenn es „nur“ um die schönen Dinge des Lebens wie Mode, Reisen und Genuss geht, und nicht um politische Haltungen.
Abwechslung im Blogger-Einerlei

Ein bisschen ernst gemeinte Überzeugungsarbeit schulden die neuen Stars der Popkultur ihrer Gefolgschaft durchaus. Auch, wenn das schwierig ist in einem Kosmos, in dem nur schön oder hässlich, das schnelle like oder dislike zählen. Doch immerhin machen erst die Millionen und Abermillionen Fans junge Leute, die ihre Outfits und Reiseerlebnisse posten, zu „Fashion Powerhouses“ oder „Digital Entrepreneurs“.
Sich selbst als „Influencer“ zu bezeichnen, zeugt daher von einer Achtlosigkeit gegenüber der eigenen Zielgruppe, deren Konsumverhalten das einzig relevante Feedback darstellt. Als dritte Partei von „Influencern“ zu sprechen, heißt, dieses Gefälle zwischen Meinungsmachern und Restmasse zu akzeptieren – und der ganzen Chose womöglich noch mit der gleichen Ehrfurcht zu begegnen, mit der viele Marken um „Influencer“ buhlen.
Wie man „Influencer“ sinnvoller bezeichnen könnte
Noch schlimmer ist im Übrigen nur noch der Begriff „Key Opinion Leaders“, womit sozusagen die Oberanführer unter den Influencern gemeint sind. Die, die die propagandistischen mind tricks der Meinungsbildung am besten beherrschen. Es hat schon seinen Grund, warum all diese Internetbegriffe nie ins Deutsche übersetzt werden.
Ein passender Begriff für alle, die per Instagram, Youtube & Co. zum Shopping animieren, wäre vielleicht eher „Digital Native Sales Agent“. Das stünde in schöner Tradition der Avon-Make-up-oder Tupperware-Vertreterinnen, die ja schließlich auch nichts anderes taten, als mit ihrer gepflegten, positiven Art hübschen, aber überflüssigen Quatsch zu verkaufen.
„Influencer“ kann man sich guten Gewissens nennen, wenn man Michelle Obama heißt, komponiert wie der neue Mozart oder man den Nahostkonflikt gelöst hat. Aber nicht, wenn es darum geht, 14-Jährige in der Annahme zu bestärken, dass sie sich ohne ein bestimmtes Paar zerrissener Jeansshorts oder den neuen Mango-Marshmallow-Duschschaum nicht mehr in die Schule trauen können.

Julia Hackober freute sich beim Verfassen dieses Artikels darüber, dass die Sprachwissenschaftskurse an der Uni doch keine Zeitverschwendung waren.

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