What’s next? Gucci-Shirt-Träger, seid ihr alle wahnsinnig?

MAGAZIN DIE DIETRICH – 12. Januar 2017 von Antonia in Mode
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Es war kurz nach Weihnachten. Meine Timeline erwachte langsam aus dem Winterschlaf. Da tauchte es auf. Erst vereinzelt, dann immer öfter. Das Gucci-Vintage-Shirt. Hatte Gucci zu Weihnachten ein paar Shirts verteilt? Oder schlich sich hier langsam ein neuer Trend ein? Statt Dekadenz und Extravaganz nun ausgeblichene Shirts? Mein Trendopfer-Herz erblickte das Shirt, erst einmal, dann mehrere Male, bis es kräftig dafür schlug. Ich bin empfänglich für Instagram-Trends. Immer weniger, aber immer noch genug. Und wenn man während der Feiertage viel Zeit hat, sogar ein bisschen Geld übrig hat, denkt man, plötzlich: Ach, dieses Shirt ist irgendwie cool. Ob alles nicht irgendwie cool aussieht, wenn es unter Palmen in Los Angeles fotografiert wird, ist die andere Frage. Und die stellte sich mein Trendopfer-Herz oder -Hirn erst gar nicht. Zumindest vorerst nicht.

Also klickte ich mich in den Onlineshop. Nur mal kurz gucken. Gucci eingegeben, das Shirt gesucht. Wäre ich nicht in meinem Weihnachtskuschelmodus auf meinem Sofa gewesen, ich schwöre euch, ich wäre umgekippt. Vor Schock. Vor Schreck. Erst weil da groß SOLD OUT prangte. Und dann weil ich den Preis sah. Und dann irgendwie weil es SOLD OUT war und der Preis immer noch blinkte. 390 Euro kostet das Shirt. Dreihundertneunzig Euro. Und das war das erste Mal, dass ich wirklich laut in mein Kissen schrie: „Gucci-Shirt-Träger, seid ihr denn eigentlich alle wahnsinnig geworden?“

Versteht mich nicht falsch. Ich liebe Mode. In meinem Kleiderschrank sind abartig viele Teile, die ein ganzes Vermögen gekostet haben. Darunter viele Taschen, eigentlich fast nur Taschen, die für meine Freunde, wüssten sie den Preis, sicherlich ein Grund wären, an meinem Verstand zu zweifeln. Vielleicht tun sie das auch hin und wieder. Mache ich auch. Aber dann schlägt mein Herz, und mein Konto schmerzt es nicht, und dann passieren solche Dinge. Auch Trendopfer-Teile, wie ich sie liebevoll nenne, befinden sich darin. Proenza Schouler PS11 war 2013 DAS It-Piece. Die Céline Trio Bag baumelte an jedem Blogger. Und auch die Valentino Bag glänzt nicht als Unikat in Modeblogger-Kreisen. Trotzdem liebe ich sie abgöttisch. Aber ich bin mir bewusst: Ich habe vermutlich öfter mal einen an der Klatsche. So modetechnisch gesehen.

Ich vertrete auch die Meinung: Jeder soll kaufen, was er will. Wie er will. Wann er will. Bewusstes Konsumieren ja, auch Umweltbewusstsein bitte. Aber an sich kann jeder sein Geld ausgeben für was er will. Der eine für Reisen, der andere für Essen, der nächste für Taschen, und der übernächste für Autos. Solange man nicht wochenlang Spaghetti mit Tomatensoße herunterwürgen muss, haut das Geld raus. Das Leben ist zu kurz.

Aber, ja jetzt kommt das große kleine Aber. Das Gucci-Shirt, das verstehe ich nicht. Also ich verstehe, dass es cool aussieht. Dass es verdammt lässig aussieht. Dass es womöglich auch ein echt gelungener Coup von Gucci ist. Weiterreiten auf der Erfolgswelle von 2015 – straight ins Jahr 2017. Aber, meine lieben Mode-Freunde: Der Preis ist wirklich absurd. Für ein ausgeblichenes, verwaschenes Tshirt. Da muss sich doch der Verstand einschalten. Und auch mag bei der ein oder anderen vielleicht der Kopf kurz verliebt austicken, aber doch nicht bei gefühlt allen? Wären die Trägerinnen allesamt Scheichtöchter oder Ex-Gattinnen eines Profifussballers, und ihre größte Sorge, in welcher Luxusyacht sie demnächst nächtigen, würde ich es vielleicht verstehen. Oder mich zumindest nicht wundern. Aber bei allen anderen, meine Lieben, ist das verrückt.

Bei Designertaschen folgt ja gern das Argument der Investition. Bei Chanel-Taschen mag das auch gelten, bei allen anderen, seien wir mal ehrlich zu uns, ist das die bittersüße Rechtfertigung für unsere Meise im Kopf. Denn die Welt und mich retten werde ich mit einer Designerhandtasche nicht. Eine Wertsteigerung mag natürlich drin sein. Das freut mich Taschen-Fan natürlich. Bei Designer-Schuhen hörts schon auf. Nach dreimal Tragen sind die guten Schuhe keine Investion mehr, sondern eben getragene Schuhe von Designer XY. Bei einem T-Shirt greift das Ganze nicht mehr wirklich. Vielleicht bei einer limited edition. Aber seien wir mal ehrlich: Gekauft wird das Shirt nicht, weil man es in 10 Jahren möglichst teuer verkaufen will. Das machen nur die Yeezy-Kids.

Also das Design-Argument? Ein Logo auf einem weißen Shirt. Ich mag’s, aber die Inkarnation von Yves Saint Laurents Hosenanzug ist das Ganze jetzt nicht. Es ist ein Logo-Shirt. Ein sehr cooles, schönes Logo-Shirt. Aber die hat Vans auch (für 50 Euro!) oder Isabel Marant (für 120 Euro!). Und selbst 120 Euro finde ich für ein Baumwoll-T-Shirt auch hart an der Grenze. Mein teuerste Designer-T-Shirt war ein im Sale gekauftes T-by-Alexander-Wang-Shirt. Das wahrscheinlich schlechteste, überschätzte und teuerste T-Shirt meines Lebens. Aber ihr wisst ja, Trendopfer. Gut, vielleicht ist das Gucci-Shirt d a s Logo-Shirt. Trotzdem: Wenn wir ehrlich sind, Designargumente zählen irgendwie auch nicht.

Bleibt also das einzige Argument: Trend. Und im nächsten Zuge: Image. Branding. Mitspielen im Kreis der Coolen. Ich bin dabei. Ich besitze das meist begehrte T-Shirt. Ein nachvollziehbares Argument, denn wir alle sind seit Jahrhunderten geprägt von Trendströmungen. Die obere Masse setzt die Trends, bis alle nachziehen. Ein natürlicher Faktor, der sich bereits von Adligen bis runter in die Dorfgassen zog. Wir alle wollen mitspielen. Uns absetzen, nachdem selbst die Schülerinnen sich zum Abi nicht mehr den Führerschein, sondern die Gucci-Handtasche wünschen. Die Mode-Crowd sucht die neuen unerreichbaren It-Pieces – und landet nun im Absurdem.

Denn wir, ich spreche hier von uns Instagram-Girls, Influencer-Mädels und Mode-Freaks, wecken jeden Tag Begehrlichkeiten und suggerieren so gerne mal, dass das ganze „normal“ ist. War es 2008 noch der weiße Tüllrock von H&M (!), wurden es im Verlauf der Jahre die Designerbags. Erst eine pro Jahr, mittlerweile wechseln die It-Bags im monatlichen Rhythmus die Ladenkasse. Und nun die 400-Euro-Shirts. What’s next?

Um ehrlich zu sein: Ich steige aus. Das hat sich schon im letzten Jahr angekündigt, aber ich bin nun draußen. Von Mode träumen, ja! Mode leben, ja! Mode-Wahnsinn betreiben? Nein. Lasst uns essen gehen, verreisen, Freunde treffen, den Sand unter den Füßen spüren und das alte Levis-Shirt unserer Mamas tragen. Unbezahlbare Momente, die kein noch so schönes Gucci-Shirt dieser Welt für 3 Wochen im Instagram-Feed wert ist.