FASHION WEEK BERLIN 2019
Die Highlights der Berlin Fashion Week 2019

Die Dietrich Anuschka Wienerl/ 21.01.2019

Einige Trends gehen, einige bleiben und das gibt es da noch die ganz neuen, die direkt vom Laufsteg die Street Styles erobern.
Modewöchle in Berlin: Die großen Labels zieht es nicht an die Spree, sondern nach Paris und New York. Bleibt mehr Aufmerksamkeit für junge Designer – und die deutsche Prominenz.

Berlin – Ein Hauch Hollywood? Bei der Berliner Modewoche ist es in diesem Jahr eher ein Häuchchen. Sarah Rafferty sollte für ihn sorgen. Das Label Marc Cain lud die rotblonde Schauspielerin am Dienstagabend nach Berlin. Rafferty spielt in der US-Serie „Suits“ und ist damit Ex-Kollegin und Freundin von Herzogin Meghan, bei der sie vergangenen Mai auch zur Hochzeit eingeladen waren.
Ansonsten ist die Verteilung ganz klar: Berliner Prominenz. In der „Front Row“ sind Namen wie Hannah Herzsprung oder Yvonne Catterfeld schon das höchste der Gefühle.

Auch nicht schlimm: So lenkt nichts ab von der Mode auf dem Laufsteg. Aber auch hier fehlen die ganz großen Namen: Sie zieht es eher auf die internationalen Schauen. Hugo Boss zum Beispiel fehlt – die Metzinger zeigen ihre Entwürfe lieber Anfang Februar in New York. Designer Michael Michalsky ist in Paris, wo parallel zum Berliner Event Männermode gezeigt wird.
Dafür feierte Modeschöpfer Kilian Kerner nach drei Jahren wieder ein Comeback. Und mit Riani zeigt ein Label aus der Region Stuttgart, was wir im nächsten Herbst und Winter tragen wollen.

Was Mode kann und was auch wiederum nicht: Das ist ein wichtiges Thema, das auf der Fashion Week in Berlin noch stärker verhandelt wird als auf den großen Shows in anderen Metropolen. Der Vergleich zwischen dem Spektakel im Juli 2018 und dem im Januar 2019 zeigt das besonders deutlich.
Da entsteht eine neue Kraft in Berlin. Und sie ist lauter, entschiedener, es ließe sich fast sagen, sie ist mutiger als zuvor. Nein, damit zieht die Mode in Berlin nicht gleichauf mit den Fashion Weeks in Paris oder New York. Dafür fehlt einfach noch eine Portion Selbstbewusstsein und eine Menge Unterstützung von außen. Aber da passiert etwas. Das zeigt sich in einem Trend, der nicht neu ist und sich trotzdem noch einmal deutlich in den Kollektionen für den Winter 2019 abbildet.

It’s not the song, it is the singing

Es ist eine Art politischer Aktivismus. Der hatte es in den letzten Jahrzehnten immer mal wieder auf den Laufsteg geschafft. Schon bevor die Idee von politischem Engagement zu einem Must-have-Lifestyle-Aspekt auf Instagram wurde, ließen bekannte Designer*innen wie Vivienne Westwood, Hussein Chalayan oder Viktor & Rolf Models in Statement-Shirts, provokant politischem Styling oder konzeptuellem Protest auftreten. Es scheint also naheliegend, dass auch die in Berlin präsentierenden Designer*innen auf die zunehmend bedrohlich wirkende politische Weltlage reagieren. Doch die Entwicklung der letzten Saison zeigt: Das Ganze geht tiefer.

Während die Entwürfe für den Sommer 2019 im Juni des letzten Jahres noch auf besonders deutlich ausformulierte Lebensfreude setzten – nach dem Motto: wir lassen uns nicht ein auf’s Böse – war diese Saison Schluss mit lustig. Bei der Präsentation der Kollektionen wurden prächtige Farben und glücklich herumtollende Models von einer Art gestaltetem Trotz, manchmal sogar von stilistischer Wut abgelöst. Das passiert einerseits in direkten Ansagen. Wie in den Statement-Shirts in der KXXK-Show von Kilian Kerner und der Musik zur Show von Rebekka Ruétz.

‘Cause power is my love and my righteous to me.

Andererseits zeigten die Entwürfe auf der grandiosen Graduierten-Show Neo.Fashion 2019 mehrheitlich eines: Die Zeit der visuellen Erklärungen ist vorbei. Fragen der Selbstermächtigung, der Genderfluidität oder der Sehnsucht nach Vielfalt werden als Selbstverständlichkeit präsentiert.
Es wird nicht vorsichtig der Fuß in die Idee einer Neuausrichtung gesteckt. Nein, es wird gemacht. Die Musik und die Performance zu den Kollektionen von Åsa Cannerheim-Petrin und Tatjana Brumund auf der Neo.Fashion, aber auch die von Amesh Wijesekera und Richert Beil auf der Mercedes Benz Fashion Week, waren druckvoll, kraftvoll und kompromisslos. Das Styling war selbst bei einer Designerin wie Lena Hoschek – deren gestalterischen Wurzeln deutlich in der Trachtenmode liegen – so androgyn, wie es taillenbetonte Looks nur irgendwie hergeben können. Die Frisuren zeigen: Vom Afro über den Vokuhila bis hin zur Glatze bei Frauen ist für alles Platz. Und welches biologische Geschlecht sich hinter geschminkten Gesichtern, kompliziert zu tragenden Schuhen oder langen Haarmähnen verbirgt, interessiert eigentlich eh niemanden mehr.

And I could cry power

Die Modebranche weiterhin mit einer ordentlichen Portion Sexismus, verkrusteten Vertriebsstrukturen, Schlankheitswahn und einem Nachhaltigkeitsproblem zu kämpfen hat, steht dabei natürlich außer Frage. Eine Industrie, die vordergründig zwar ultra-modern ist, in den Strukturen aber traditionell rückwärtsgewandt agiert, wandelt sich nicht so fix wie die vielen Fashion- und Beauty-Influencer in ihrer #10YearsChallenge.

Trotz allem haben jungen Talente wie und etablierte Player im Januar 2019 Hoffnung gemacht darauf, dass die Mode ein wichtiger Spiegel der Gesellschaft bleibt. Dass sie einerseits etwas zu sagen hat, das sich lohnt angehört zu werden. Andererseits, dass sie nicht nur dazu aufruft, Statements zu setzen, sondern selber aufsteht und macht. Ein bisschen wie im aktuellen Track von Hozier, in dem es heißt: It’s not the waking, it’s the rising. Es geht nicht (nur) ums Aufwachen, es geht (vor allem) ums Aufstehen. Vielleicht klappt‘s mit dem Aufstehen in Berlin ja auch langsam.
Das Münchner Luxuslabel Bogner eröffnete am Montag Abend die Berliner Modewoche im E-Werk und präsentierte unter dem Motto„Alpine Clubbing“ knallbunte und spacige Skimode mit XXL-Daunenjacken, bauchfreien Tops und Styles im Athleisure-Look.
Hightlight der Kollektion waren die Overknee-Moonboots in Silber. Auch viel Flausch war bei Bogner zu sehen – alles aber aus Fake-Fur. Zum ersten Mal in seiner knapp 87-jährigen Geschichte präsentierte das Label pelzfreie Mode.

Das Designerduo Otto Drögsler und Jörg Ehrlich von Odeeh präsentierte die neue Herbst/Winterkollektion im Theatersaal der Berliner Festspiele. Roter Faden der Kollektion war der Layering-Look mit aufwendigen Prints, die typisch sind für Odeeh. So wurden locker fallende Blümchenkleider über midilange Röcke mit grafischen Prints getragen, Maxikleider über weit geschnittene Marlenehosen angezogen oder Seidenblusen mit Brokat-Ornamenten wurden unter Paillettenkleider mit Feder-Details getragen.

Ein Superstar aus Amerika war bei Marc Cain zu Gast: Die rotblonde Sarah Rafferty, die in der US-Serie „Suits“ die Donna spielt war der diesjährige EhrengasIm Anschluss an die Show präsentierte Rafferty die Handtasche „True Bag“, welche sie in Kooperation mit Marc Cain entworfen hat. Auch auf dem Catwalk war ein Star unterwegs: Lorena Rae, „Victoria’s Secret“-Engel und Ex-Freundin von Leonardo DiCaprio. Im Trio-Grün-Look zeigten sich die prominenten Front Row-Gäste Frauke Ludowig, Sängerin Yvonne Catterfeld und Schauspielerin Hannah Herzsprung. Die Farbe Grün, allerdings in der Neonausführung, spielte auch eine Rolle in der kommenden Herbst-Wintermode von Marc Cain. Daneben sah man, typisch für die Marke aus Tübingen, Mustermix, ein bisschen Glitzer und Strick sowie Taschen aus Flausch.

„It your time to shine“ lautete der Name der neuen Kollektion bei William Fan. Inspiriert vom schillernden Nachtleben Tokios gab es viele Pailletten, wilden Animal-Print und glänzende Samthosen zu sehen. Highlight waren die Handtaschen im Glückskeks-Optik, mit denen der Designer auf seine chinesischen Wurzeln aufmerksam machte. Passend zur Kollektion wählte William Fan als Show-Location die Karaoke-Bar „Knutschfleck“ am Alexanderplatz.

Im Berliner Hotel Westin Grand präsentierte Marcel Ostertag seine Wintermode „Heroes“, die an die Discozeit der späten 1970er-Jahre erinnerte, So gab es unter anderem Glitzerkleider mit Statement-Ärmel, Volantkleider aus Seide, und Overknee-Stiefel mit bunten Blockstreifen zu sehen. Die Helden seiner Jugend, David Bowie und Grace Jones, inspirierten den 40-jährigen Designer zu dieser Kollektion.