FASHION made in Berlin

Magazin DIE DIETRICH 26.July 2019 / Anuschka Wienerl

Fashion Week S/S 2019 Berlin: KOMMERZ oder MODE

Die Berliner Jungdesigner pfeifen auf Trends, wie man derzeit bei der Berliner Fashion Week wieder sehen kann. Und sie haben damit Erfolg. Von Japan, Dubai bis Hollywood ist ihr cooler urbaner Hauptstadt-Look gefragt. In Mode von Sisi Wasabi oder Unrath & Strano sind auch Stars wie Charlize Theron vernarrt.

Scherer Gonzáles oder Anna von Griesheim tragen Berlins Promis heute auf Galas und Premieren. Auch Sisi Wasabi kann inzwischen Schnappschüsse vom roten Teppich sammeln wie andere Briefmarken. Mode aus Berlin ist angesagt, nicht nur in der Hauptstadt, wo inzwischen auch im KaDeWe und im Galeries Lafayette hiesige Designer einträchtig neben St. Laurent und Gucci hängen.

Die jungen Modemacher, die ebenso cool wie ihre Entwürfe sind, haben in den vergangenen fünf Jahren den großen Sprung nach vorn geschafft. „Wir sind die erste Generation, die ernsthaft versucht, sich als Marke zu etablieren“, sagt Bernadett Penkov von dem gleichnamigen Label. Der Nachwuchs verkauft inzwischen weltweit, vor allem in Asien, Arabien und den USA weiß man den urbanen Berliner Schick zu schätzen. Japan steht bei vielen auf der Exportliste, denn die Japaner sind Trendsucher und schätzen alles, was kein Mainstream ist, keine internationalen Trends abguckt, sondern Eigenes bietet. „Vorbilder haben wir nicht, wir sind wir“, heißt es selbstbewusst bei Mongrels in Common. Kurzlebigkeit ist nicht gefragt. Das Frauenquartett von Pulver steht auf „Design, das länger hält als eine Saison“. Unrath & Strano wollen nur das entwerfen, was sie möchten. Lieblingsteile schaffen ist das Anliegen des Damen-Duos von Wedel und Tiedeken. Und Jacqueline Huste, die unter dem Label Wolfen firmiert, macht gar keine fixen Kollektionen mehr, sondern arbeitet nach dem H&M-Prinzip und produziert permanent neue Dinge.

Der Nachwuchs ist nicht nur innovativ, sondern auch professionell. Das hat man von den Vorgängern der 80er- und 90er-Jahre gelernt, die heute einen Laden auf- und morgen wieder zumachten. Andrea Hartwig hat sich 2005 mit ihrer Schwester, einer Wirtschaftswissenschaftlerin, zusammengetan. Talking means trouble funktioniert so: Andrea designt, und Bianca rechnet – und das rechnet sich. Auch Katja und Michael Will von C’est tout stehen für diese Verbindung: Katja Will war Stylistin bei MTV und Viva, ihr Mann Marketingspezialist.

Edle Stoffe treffen robuste Schnallen

Was zeichnet nun den Berliner Stil aus? „Es gibt keine Formel, es ist Nonkonformismus gepaart mit Pragmatismus und Individualismus“, sagt Elke Giese vom Deutschen Modeinstitut. Für Kreativität und Individualität stehen etwa Kaviar gauche. Kaviar steht für Luxus, gauche (franz. links) für Revolte. Der Name der Ex-Esmod-Schüler ist Programm: Feine Seide wird mit Schnallen vom Bootsbedarf kombiniert; Hollywood-Star Charlize Theron steht ebenso darauf wie Heike Makatsch. Die Brüche machen bei vielen den Reiz aus: „Wir verabschieden das Pure, Mischen ist die neue Norm“ heißt das Credo von Christine Pluess und Livia Ximénez-Carillo. Ihr Label Mongrels in Common wird wegen der verrückten Entwürfe nicht nur von Promis geliebt. Bei Franzius hat schon Paris Hilton ein goldiges Kleid gekauft. „Berlin inspiriert nicht nur, es bietet Kreativen auch Perspektiven und bringt sie selbst hervor“, ist die Meinung von Klaus Wowereit. Inzwischen ist der Metropole der Mode auch ein Buch gewidmet: „Berlin Fashion“ von Nadine Barth, erschienen im Dumont Verlag (29,90 Euro), listet von A bis Z 50 Berliner Designer auf.Das Hohelied auf Berlin singt nicht nur der Regierende Bürgermeister. „Berl

Es gibt nicht nur ein gutes Netzwerk, sondern mit sieben Modeschulen mehr Ausbildungsstätten als in jeder anderen europäischen Stadt: Clara Leskovar und Doreen Schulz von C.neeon kommen von der Kunsthochschule Weißensee. Von Wedel & Tiedeken waren an der UdK Assistentinnen von Vivienne Westwood und gehören seit drei Jahren zur etablierten Designerriege der Stadt. Ihr Showroom in Mitte ist ein Hotspot. Meike Vollmar von Macqua war wie Bernadett Penkov bei Esmod. Silvia Kadolsky, Direktorin der Modeschule Esmod: „In Berlin konzentriert sich alles, nirgendwo in Europa gibt es so viele Möglichkeiten. Diese Stadt hat einfach eine unglaubliche Energie.“ Esmod gründete mit Fashion Patrons eine Agentur, die Mode-Absolventen auf das Geschäftsleben vorbereitet. Wie baut man ein Label auf? Was ist ein Businessplan? Was ist gut oder schlecht an der Kollektion? Solche Fragen soll ein sechsmonatiges Coaching beantworten helfen, sagt Friederike Winkler von Fashion Patrons. Unterstützt wird der Nachwuchs auch von Karstadt. Das Unternehmen verleiht wieder im Rahmen der Berliner Fashion Week den New Generation Fashion Award. Der Gewinner wird exklusiv für Karstadt eine Kollektion entwerfen.

Berlin ist eine Talentschmiede

Zu denen, die sich ohne Hilfe etablieren konnten, gehört seit 18 Jahren Annett Röstel. Sie exportiert in mehr als 20 Länder. Etabliert ist auch Anna von Griesheim, die ausschließlich in Berlin verkauft. Ihr Markenzeichen seit 1991 sind Abendroben mit femininer Power. „Ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, sagt die Erfolgsfrau.

Mit anderen Modestädten kann man Berlin trotz des Booms nicht vergleichen. „Den Rang wird es weder Paris noch Mailand ablaufen“, meint Elke Giese. „Berlin ist eher mit London als Talentschmiede zu vergleichen.“
„Was die Kreativität angeht, die Designer und die Modeschulen, die in hoher Qualität ausbilden, liegt Berlin mit Abstand vor allen anderen deutschen Städten“, urteilt Giese, „und genau daraus muss jetzt etwas gemacht werden.“ Die Zielsetzung sei, das Business der Kreativen zu stärken.

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Schaue man sich die drei Mode-Messestädte München, Düsseldorf und Berlin an, so haben München und Düsseldorf die bessere Infrastruktur und auch stärkere Kaufkraft für eine Messestadt zu bieten, meint Giese.

Hier gibt es Inspiration für mehr Kollektionen, als ich je erfinden kann“, sagt Evelin Brandt, seit 25 Jahren erfolgreiche Unternehmerin mit neun Geschäften und 65 Mitarbeitern. Das hat sich wohl auch Michael Michalsky gedacht. Der Star-Designer von Levi’s und Adidas hat die Hauptstadt als Domizil für seine Selbstständigkeit gewählt und sich mit seiner ersten Kollektion gleich auf die Berliner Modelandkarte katapultiert.

Hier ist man auch finanziell unabhängiger als anderswo. „Mit 6000 Euro hätte ich kein Business in New York aufziehen können“, sagt Leyla Piedayesch, die nicht nur wirtschaftlich unerfahren war, sondern auch noch Autodidaktin in Sachen Strick war, als sie LaLa Berlin gründete. Eine typische Berliner Erfolgsgeschichte. Das Hohelied auf Berlin singt nicht nur der Regierende Bürgermeister. „Berlin liefert die Geschichten, wir die Kostüme“, erklärt Carl Tillessen von Firma. „Berlin ist eine Stadt, die sich alle paar Meter neu erfindet. Hier gibt es Inspiration für mehr Kollektionen, als ich je erfinden kann“, sagt Evelin Brandt, seit 25 Jahren erfolgreiche Unternehmerin mit neun Geschäften und 65 Mitarbeitern. Das hat sich wohl auch Michael Michalsky gedacht. Der Star-Designer von Levi’s und Adidas hat die Hauptstadt als Domizil für seine Selbstständigkeit gewählt und sich mit seiner ersten Kollektion gleich auf die