Feminismus statt Kästetoast

Cherry Glazerr im Interview

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Magazin Die Dietrich – 02-Februar 2017 Anuschka Wienerl

Das dritte Album von Cherry Glazerr heißt »Apocalipstick« und handelt von weiblicher Solidarität.

Beim Interview in Berlin traf Die Dietrich das rundum erneuerte kalifornische Glam-Indie-Trio und fand heraus, dass hinter der alberne Fassade ein ernster Kern steckt.

»Wir haben uns auf einer Swinger-Party in West Hollywood kennengelernt. Jeder von uns kannte einen Freund eines Freundes des Gastgebers«, lautet Clementine Creevys Antwort auf die wohl ödeste Frage seit der Erfindung des Bandinterviews. Nach einem solchen Einstieg ist der Satz »Wir haben uns dann dadurch getroffen, weil wir alle Sex mit verschiedenen Leuten hatten«, schon weniger verwunderlich für das Trio Cherry Glazerr, dessen Bandname an die KWRC-Radiomoderation Chery Glaser angelehnt ist.

Denn obwohl einzig Sängerin und Bandgründerin Crevy von der Originalbesetzung aus dem Jahr 2012 übrig geblieben ist, wirken die »Neuen« – Bassist Tabor Allen und Multi-Instrumentalistin Sasami Ashworth – mindestens genauso durchgeknallt wie ihre 19-jährige Anführerin. So eröffnet Ashworth beispielsweise auf dem Horn das Konzert der Musikschüler von Creevys Mutter, die als Cellolehrerin arbeitet. Allen bezeichnet sich hingegen als bärtigen »Supersenior«, der niemals die Highschool verlassen will.

Interview Let`s  go

Dietrich: Seit wann seid Ihr in Berlin?

CLEM: Seit vier Tagen.

Dietrich: Das heißt, ihr mögt Berlin?

CLEM: Berlin ist eine großartige. Macht einfach derbe Spaß.

TABOR: Energetisch.

CLEM: Offen.
SASAMI: Sehr offen. Sehr frei. Und wunderschön.
CLEM: Richtig tolle Leute auch. Unvoreingenommen. Kreativ und freundlich.

Dietrich: Freundlich? – Das ist nicht das Berlin, das ich kenne. Das Herz auf der Zunge tragen mag ehrlich sein. Aber manchmal ist diese Ehrlichkeit unangebracht. Zum Beispiel von einem Busfahrer.
CLEM: Ich weiß, was Du meinst.

Dietrich: Und wisst Ihr, was auch in Berlin fehlt? – Die Sonne. Sasami, Du mit Deinem Miniröckchen kannst hier nicht so rumlaufen. Der russische Winter kommt.
TABOR: Oho – der russische Winter. Das Zeug, aus dem Albträume sind…

Dietrich: Bevor wir nun zu Eurem neuen Album kommen, müssen wir ein paar Dinge aufklären. Im Juli 2016 wart Ihr noch zu viert. Und dann ist einer unter die Räder gekommen?
CLEM: Mhmm.
TABOR: Hehe.

Dietrich: Sehr gut. Machen wir hinter diese Frage zur Vergangenheit ein Häckchen. CLEM, als Du mit der Musik begonnen hast und Dich mit dem Gedanken trugst, das professionell zu machen – hättest es Du je für möglich gehalten, die ersten ernsthaften Schritte diesbezüglich Hand in Hand mit der Modeindustrie zu gehen?
CLEM: Nein. Eigentlich war das eine meiner Ängste. Musik und Mode pflegen eine komplizierte Beziehung. Mode ist das Letzte, woran ich beim Musikmachen denke.

Dietrich: Hab ich mir gedacht.
CLEM: Ts ts ts
TABOR: Hehe.

Dietrich: Ist ja auch eine komische Mischung.
CLEM: Es ist eine giftige Mischung.

Dietrich: Ich habe mir Euer Narduwar-Interview angesehen. Stimmt die Geschichte, dass die Manager von Yves Saint Laurent eine Zeile aus “Teenage Girl” zensiert haben?
CLEM: Ja. Total abgefuckt. Aber ist nicht alles abgefuckt?
TABOR: Warte mal – was war da los?
CLEM: Bescheuerte Idioten. Eine Bande bescheuerter Idioten. Yves Saint Laurent wollten “Teenage Girl” auf ihrer Website abspielen und haben einen Edit angefertigt, bei dem sie “Rob Kardashians a tool” rausgeschnitten hatten.
TABOR: Stimmt.
CLEM: Saftärsche.

Dietrich: Ich bin sehr froh. Jetzt haben wir auch dieses Thema hinter uns. Tabor – warum hast Du kein Geschenk vom Narduwar bekommen?
TABOR: Verdammt gut Frage. Frag ihn. Sofort. Jetzt, Ruf ihn an!

Dietrich: Wer finanziert ihm seine Geschenke?
TABOR: Keine Ahnung. Aber Clem hat gleich drei gekriegt und ich keins.
CLEM: Der mag halt keine Bärte. Er ist ein Bartist.

Dietrich: Ein Bartist?
SASAMI: Ein Bartist. Naja, so rassistisch gegenüber Bärten halt.

Dietrich: Ich wusste gar nicht, dass es solche Leute gibt. Auf jeden Fall düsen wir hier nur so durch Themen, dass es der Wahnsinn ist. Worüber ware ein Film, der den Titel “Apocalipstick Now” trägt?
CLEM: Der ist gut. Es wäre eine feministische Dystopie.
SASAMI: Science Fiction.

Dietrich: Die Gitarre schwingende Wikingerin aus der Zukunft auf dem Cover Eures Albums, das ganz zufällig “Apocalipstick” heißt – Clem, bist Du das?
CLEM: Klar.

Dietrich: Und sie ist Shera nachempfunden?
CLEM: Alter – Du hast ja so recht. Sie ist von Shera inspiriert. Shera ist großartig. Sie einen tollen Helm. Aber ich habe mit den Brüsten experimentiert. Ich habe ihr andere Brüste gemacht.

Dietrich: Meine Aufgabe ist es ja, Zusammenhänge herzustellen. Auch dort, wo keine sind. Teilt ihr eine gemeinsame Klang-Vision? Gibt es einen Künstler, der Euch in dieser Hinsicht als Orientierung dient?
CLEM: Jesus Christus.

Dietrich: Na klar – sein erstes Album ist der Ober-Hammer…
CLEM: Ein Klassiker…
TABOR: Wir hören so viel Musik.
CLEM: Zu viel.
TABOR: Zu viel, um von einer gemeinsamen Vision zu sprechen.
CLEM: Wir sprechen eine gemeinsame musikalische Sprache, die von vielen verschiedenen Dingen inspiriert ist, die wir zusammen oder einzeln hören.
TABOR: Das entwickelt und ändert sich ja auch ständig. Keiner sagt: Lasst uns das hören, weil wir jetzt dieses machen wollen. Da ist etwas Organisches im Gange und Musik ist Teil unseres Lebens, Teil der Sprache, mit der wir zueinander gefunden haben.
SASAMI: Das alles hat viel mit Vertrauen zu tun. Und wir alle wissen, dass wir die besten Musiker sein wollen, die wir sein können. Und wir alle wissen, dass jeder seine Hausaufgaben macht. Was das angeht, gibt es keinen Ersten unter Gleichen. Jeder von uns trieft vor Ideen. So sind wir halt.
TABOR: Das geht sowas von tief, dass es banal wäre, Dir jetzt ein paar Namen zuzurufen.
Dietrich: Das ist es auch, was Euch von Steel Panther unterscheidet.
CLEM: Steel wer?

Dietrich: So eine Art Musik-Comedy-Act, der sich um alles dreht, was Hair-Metal war, ist und sein wird.
TABOR: Haha.

Dietrich: Großartige Musiker, aber eben eigentlich Komödianten. Ihr habt nie von Steel Panther gehört? Seht Euch mal ne Show von denen an.
CLEM: Humor ist so ziemlich das Einzige, was uns kleinen Menschen bleibt. Es ist enorm wichtig, Dich selber nicht zu Ernst zu nehmen. Überhaupt nichts zu Ernst zu nehmen. Musik inklusive. Also: Wir haben Humor.

Dietrich: Ja, Ihr macht einen diesbezüglich fähigen Eindruck.
CLEM: Ich meine das mit dem Ernst-Nehmen natürlich in einem lockeren Sinne. Musik ist die einzige Sache, bei der es und wirklich um etwas geht. Ah – und Sex vielleicht.
TABOR: Das wäre dann ein guter Tag…

Dietrich: Heißt Musik ernst nehmen (wenn auch in einem lockeren Sinn) auch üben?
Alle: Na klar.
CLEM: Ich habe gerade dorische Tonleitern geübt.

Dietrich: Demnächst tretet Ihr also in Kirchen auf?
CLEM: Stimmt genau.

Dietrich: Ihr lebt alle in Los Angeles. Könnt Ihr Euch vorstellen, die Musik, die Ihr macht, in einer anderen Stadt zu machen?
CLEM: Absolut.
TABOR: Ich will hier nicht widersprechen. Aber die Schwingungen und die Kultur der Stadt sind ein wichtiger Teil unseres Life-Styles. Die spezifischen Einflüsse, Freundschaften, musikalische Bekanntschaften, die Leute, mit denen wir gespielt haben, die man sich auf der Bühne anschaut. Nirgendwo sonst habe ich je so konsequent an und um Musik herum gearbeitet, deswegen kann ich nicht sagen, wie es sich woanders anfühlen würde. Niemals würde ich unsere Musik L.A.-zentrisch nennen. Aber Fakt ist, dass unsere Umgebung einen riesigen Einfluss auf uns ausübt.
CLEM: Nicht in L.A. zu leben, wäre kein Hindernis für unsere Musik.

Dietrich: Gibt es einen Ort oder Club in L.A., wo Ihr regelmäßig spielt? Einfach nur, um mal eben live zu rocken?
TABOR: The Smell. Hast Du vom The Smell schon gehört?
CLEM: Yeah, The Smell.

Dietrich: Nein, kenn ich nicht.
TABOR: Das ist ein legendärer DIY-Club im Zentrum L.A.s. Alle haben da irgendwie angefangen. Wenn Du jemals in L.A. sein solltest, geh an einem beliebigen Wochentag dahin. Da ist immer was los. Es wunderschön, komisch und funky. Wenn es einen Ort in L.A. gibt, über den zu sprechen sich überhaupt lohnt, dann the Smell.

Dietrich: Danke für das Interview.

Vor ihrem Indie-It-Girl-Status war Creevy dafür bekannt, ein leidenschaftlicher Sandwichmaker-Kästetoast-Fan zu sein. Während den Toasts auf dem Debütalbum »Haxel Princess« noch ein eigener Track gewidmet war, hat sie den Appetit darauf mittlerweile verloren. Stattdessen kann sich die Band nun auf einen vollkommen neuen Konsens einigen: den Feminismus. Die erste Single des dritten und eher postpunkigen Albums »Apocalipstick« heißt »Told You I’d Be With The Guys« und soll symbolisch für den Inhalt des gesamten Albums stehen. »Es handelt von weiblicher Solidarität.

Von der Wichtigkeit, dass Frauen anderen Frauen zuhören. Davon, dass wir einen Safe Space für Frauen entwickeln, der nach mehr Gleichberechtigung ruft«, so Creevy. »Feminismus ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens und somit auch unserer Musik. Alle meine Songs haben feministische Themen«, erklärt sie. Mit Ashworth und Allen entfacht sich eine leidenschaftliche Debatte über Empowerment und manifestierte Machtstrukturen.                       Zwei Tage nach unserem Treffen wird Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Während das – übrigens sehr empfehlenswerte – Instagram-Profil der Band sonst bunte Einblicke in das Leben der verrückten drei bietet, postet Creevy ein Statement über White Supremacy und die Rechte von Frauen, People Of Color und der LGBTQI-Community. »Musik wird mein Leben retten, es ist die einzig konstante Sache in meinem Leben, der ich mit meinem ganzen Herzen vertrauen kann«, heißt es am Ende des Textes. Und wir brauchen Bands wie Cherry Glazerr, die jungen Menschen in dieser ungewissen Zeit ihre Stimme leihen.