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80 ist das neue 16: Die Generation 70+

Magazin Die Dietrich – 02. Februar 2017 / Anuschka Wienerl

Wenn über Alter in der Modebranche geredet wird, geht es meist darum, dass die Models zu jung und eigentlich noch Kinder seien. Dass man dringend Gesetze einführen müsste, die regulieren, wie alt Mädchen mindestens sein müssen, um auf dem Laufsteg zu arbeiten. Doch seit einiger Zeit hat ein neues Extrem die Modewelt erreicht: Die Generation 70+.

 

Der Laufsteg wird ein immer vielfältigerer Ort – die wunderschönen, schlanken, jungen Frauen von einst teilen sich den Catwalk mittlerweile mit Charakterköpfen, mit Frauen, die abseits des vermeintlichen Schönheitsideals stehen, mit Frauen, die Krankheiten besiegt haben, die Spuren hinterließen, mit Frauen, die das Publikum für neue Körperformen begeistern, und neuerdings auch mit Frauen jenseits des Rentenalters.

Gerade erst liefen auf der Paris Fashion Week Models wie Anna von Ruden oder Kristina de Coninck über den Catwalk, die die Mütter oder sogar Großmütter der sonstigen Mädchen auf der Modewoche sein könnten. Manish Arora castete zum Beispiel das ehemalige Model und Fotografin Ellen von Unwerth, Jun Takahashi von Undercover präsentierte seine Kollektion an Frauen im Alter von 18 bis 70.

 

Seit der New Yorker Ari Seth Cohen im Jahr 2008 anfing, für seinen Blog Advanced Style ältere Semester in Street Style Manier zu fotografieren, sind Senioren aus der Modewelt nicht mehr wegzudenken. Der Blick auf das Alter in der Modewelt, die ja eigentlich für ihren Jugendwahn bekannt ist, hat sich seitdem gewandelt. Nicht zuletzt durch ausgefallene It-Girls wie die über 90-jährige Iris Apfel, über die sogar schon ein Film in die Kinos kam und die immer wieder für Fashion-News sorgt.

Im Gegensatz zu jungen TV-Stars wie Gigi Hadid oder Kendall Jenner können die Frauen 60+ auf ein bewegtes Leben und eine ebenso bewegte Karriere zurückblicken. Ihr Gesicht zeigt nicht nur einen Trend, sondern einen Charakter. Anstatt sie wegzuretuschieren, lassen Modehäuser die Falten Geschichte erzählen.

Geschichten wie die der 80-jährigen Schriftstellerin Joan Didion, die ohne Photoshop, dafür mit großer Sonnenbrille für eine Céline Kampagne posierte. Die der Beauty-Unternehmerin Linda Rodin, die schon für The Row und Karen Walker modelte. Oder Eveline Hall, die als deutsches Golden Girl des Öfteren auf der Berliner Fashion Week zu sehen ist.

Die Erkenntnis, dass auch das Alter seine schönen Seiten hat, ging im letzten Jahr sogar so weit, dass die typische Granny-Haarfarbe Grau auch bei jungen Frauen beliebt wurde. Tavi Gevinson, Kelly Osborne oder Nicole Richie machten es vor – und der ergraute Trend hält noch immer an.

Es sieht so aus, als würden uns die jungen Schönen, die glatt und ohne Makel auf den Fotos erscheinen, langweilen. Die Modebranche sehnt sich nach etwas Speziellerem, etwas Stabilem – Personen, denen man vertraut. Frauen, die schon vor 40 Jahren Kunst erschaffen haben. Frauen, die über Jahrzehnte hinweg eine Persönlichkeit entwickelt haben und diese voller Selbstbewusstsein nach außen tragen.

Auch wenn viele der Kampagnen mit Frauen jenseits der 60 nur den Umsatz in einer bislang offenbar unentdeckten Zielgruppe ankurbeln sollen, so erreichen diese Bilder doch uns alle. Und wir denken zum ersten Mal darüber nach, dass Schönheit nichts mit dem Alter zu tun hat. Dass Iris Apfel in & Other Stories genauso gut aussieht wie ihre jungen Kolleginnen. Dass man vielleicht immer nur so alt ist, wie man sich anzieht. Aber vor allem fällt uns auf, dass wir bei diesen Vorbildern gar keine Angst mehr davor haben müssen, irgendwann wunderschön und grau zu sein.

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