Modefotografie in der DDR

Die Dietrich/Anuschka Wienerl-25.August 2018

 

„Wir haben Bilder gemacht, die uns wichtig waren.“

Modefotografie in der DDR, die mehr sein wollte als Abbildung, das war zumeist Fotografie, die in der „Sibylle“ erschienen ist – einer Zeitschrift, die wie keine andere Mode als kulturelles Phänomen vorgestellt hat. Im Jahr 1956 erschien die erste Ausgabe der „Sibylle“ und sie sollte über drei Dekaden die führende Modezeitschrift der DDR werden.
„Zeitschrift für Mode und Kultur“ nannte sie sich – und seit im Jahr 1961 der Modeteil des Magazins unter der Ägide von Dorothea Bertram gestaltet wurde, war der Anspruch kein geringer: Anders sollte das Heft nun sein; anders und ungestellt.
„Als die Mannequins bei meiner ersten Modeproduktion vor dem Pergamonaltar so gekünstelt posierten, habe ich den Fotografen überzeugt, sie einfach ganz natürlich auf die Stufen zu setzen. Da war der Anfang gemacht …“, erzählte Dorothea Bertram einmal, die später den Fotografen Roger Melis heiratete. Dorothea Melis arbeitete mit den besten Fotograf*innen der DDR zusammen: mit Roger Melis, Arno Fischer, Günter Rössler, Sibylle Bergemann, Sven Marquardt und Ute Mahler – allesamt Lichtbildner*innen, die mehr wollten als reine Abbildung.
Solche Modefotografie ist heute selten geworden. Solche Zeitschriften gibt es nicht mehr. Das verdeutlicht auch ein Gang durch die Ausstellung „SIBYLLE – Die Fotografen“ in den Opelvillen in Rüsselsheim, die immer einen Besuch wert sind. In diesem Fall ganz besonders, denn hier sehen wir, was ebenso selten geworden ist: Bilder voller Atmosphäre, mit guten Bildideen, gelungenen Kompositionen.
Auch das hier gezeigte Frauenbild ist rar geworden: Wir bewundern zumeist natürliche Eleganz in den Schnitten – vorgeführt von selbstbewusst in die Kamera blickenden, alles andere als koketten Frauen. „Die berufstätige, selbstbewusste, emanzipierte Frau wollte man zeigen, sich von alten Klischees trennen. Mode ins Verhältnis setzen zu den gesellschaftlichen Idealen“, so erinnerte sich die 1938 in Berlin geborene Dorothea Melis in einem Interview.
Es ist ein Jammer, dass sich die unter der strengen Aufsicht der SED stehende Mode- und Kulturzeitschrift in der DDR halten konnte, doch im wiedervereinigten Deutschland bald nicht mehr. Seit 1995 ist die „Sibylle“ Geschichte, geschluckt von einem zusehends konformistischer werdenden Zeitschriftenmarkt.
Die besten Bilder dieser berührenden Ausstellung sind keine reinen Modefotografien, sondern ästhetische Zwitter zwischen Portrait, Reportage und Mode, selten im Studio inszeniert, sondern auf öffentlichen Plätzen, Straßen oder auch vor tristen, grauen Industriegebäuden. Nachdenkliche, versonnene Bilder, die eine sehr eigenständige Idee von Schönheit formulieren. „Wir haben nicht nur Mode fotografiert, wir haben Bilder gemacht, die uns wichtig waren“, so sagte die Fotografin Ute Mahler einmal. Oder, wie es Kuratorin Dr. Beate Kemfert formuliert:
Über zweihundert Werke zeigen die Entwicklungsphasen der ostdeutschen Modefotografie, in die der dokumentarische Stil der sozial engagierten Fotograf*innen einfloss, die die Wirklichkeit aus einer dem Menschen zugewandten Perspektive zeigen wollten. Man suchte neue Wege, dachte gesellschaftsbezogen und war zunächst der Utopie eines Neubeginns erlegen. Orte wie der Industriestandort Bitterfeld wurden nicht von der Redaktion vorgegeben, sondern frei gewählt. Ziel war es, die normale Frau bei der Arbeit, auf der Straße und im Alltag anzusprechen.
Diese Ausstellung mit etwa 200 Werken von Sibylle Bergemann, Arno Fischer, Ute Mahler, Werner Mahler, Sven Marquardt, Elisabeth Meinke, Roger Melis, Hans Praefke, Günter Rössler, Rudolf Schäfer, Wolfgang Wandelt, Michael Weidt und Ulrich Wüst sollte man unbedingt sehen!